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Gesamtwirtschaftliche Euroraum-Projektionen von Fachleuten des Eurosystems, Juni 2026

1 Überblick

Die wirtschaftlichen Aussichten für den Euroraum sind vor dem Hintergrund des Krieges im Nahen Osten, der Schließung der Straße von Hormus und der erhöhten Ölpreisvolatilität weiterhin mit großer Unsicherheit behaftet. Einige der Risiken, die in den von Fachleuten erstellen Projektionen vom März 2026 identifiziert worden waren, treten mittlerweile ein: Die Ölpreise steigen weiter an, die Lieferketten geraten unter Druck, und die Märkte erwarten mittlerweile, dass die Auswirkungen des Konflikts länger anhalten werden. In den Basisprojektionen der Fachleute des Eurosystems vom Juni 2026 wird davon ausgegangen, dass die Energiepreise in den nächsten Quartalen im Einklang mit den Terminpreisen relativ schnell zurückgehen werden.[1] Die weitere Entwicklung des Konflikts und seine Auswirkungen auf die Energiepreise, die Preise einiger Rohstoffe ohne Energie und die Wirtschaftstätigkeit sowie das Durchwirken des Energiepreisschocks auf die Verbraucherpreise ohne Energie sind jedoch nach wie vor mit erheblicher Unsicherheit behaftet. Daher wurden ergänzend zum Basisszenario alternative Szenarien ausgearbeitet, die von einer unterschiedlichen Intensität des Energieschocks und seiner Auswirkungen auf die Wirtschaft des Euroraums ausgehen.

Kurzfristige Indikatoren lassen darauf schließen, dass das Wirtschaftswachstum auf kurze Sicht gedämpft ausfallen wird, da höhere Energiepreise und eine größere Unsicherheit die Binnennachfrage belasten. Insbesondere die Konsumausgaben der privaten Haushalte – ein wichtiger Wachstumsmotor im Jahr 2025 – werden den Projektionen zufolge in diesem Jahr deutlich langsamer wachsen, da die steigenden Energiekosten das real verfügbare Einkommen schmälern und die Stimmung der Verbraucher dämpfen. Unter der Voraussetzung, dass der Konflikt relativ rasch gelöst und die damit verbundene Unsicherheit entsprechend verringert wird, dürfte dieses schwache Wachstum der privaten Konsumausgaben vorübergehender Natur sein. Auf mittlere Sicht dürfte die Binnennachfrage gestützt werden durch eine Erholung des real verfügbaren Einkommens, die sich aus sinkenden Energiepreisen und einem robusten Arbeitsmarkt ergibt, sowie durch steigende staatliche Ausgaben für Infrastruktur und Verteidigung, insbesondere in Deutschland. Hinzu kommen Investitionen im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz (KI). Im Hinblick auf die Außenwirtschaft dürfte das Exportwachstum weiterhin durch anhaltende Herausforderungen in Bezug auf die Wettbewerbsfähigkeit gebremst werden, sodass die Weltmarktanteile der Exporteure des Euroraums weiter sinken. Den Projektionen des Basisszenarios zufolge wird die Jahreswachstumsrate des realen BIP 2026 bei 0,8 %, 2027 bei 1,2 % und 2028 bei 1,5 % liegen. Gegenüber den Projektionen vom März 2026 wurde das BIP-Wachstum sowohl für 2026 als auch für 2027 um 0,1 Prozentpunkte nach unten revidiert. Der Grund dafür sind die unerwartet starken Auswirkungen des Krieges im Nahen Osten. Da dieser Effekt nachlassen dürfte, wurde das BIP-Wachstum für 2028 hingegen um 0,1 Prozentpunkte nach oben revidiert.

Den Basisprojektionen zufolge wird die am Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) gemessene Gesamtinflation im dritten und vierten Quartal 2026 mit 3,4 % ihren Höchststand erreichen und bis Anfang nächsten Jahres oberhalb von 3,0 % verharren. Ausschlaggebend hierfür ist ein sprunghafter Anstieg der Teuerung bei Energie infolge des Konflikts im Nahen Osten. Dies spiegelt in erster Linie ein starkes und unmittelbares Durchwirken der höheren Rohölpreise auf die Verbraucherpreise für Kraftstoffe wider, was durch zusätzlichen Druck auf die Preise für Erdölerzeugnisse verstärkt wird. Da die Auswirkungen des Krieges auf die Energiepreise größtenteils aus dem Vorjahresvergleich herausfallen, dürfte die Gesamtinflation im zweiten Quartal 2027 deutlich auf 2,3 % zurückgehen und sich danach um einen Wert von 2,0 % bewegen. Hinter diesem Profil der Gesamtinflation verbergen sich unterschiedliche Verlaufsmuster der Hauptkomponenten. Sinkende Preise für Energierohstoffe, wie sie in den Terminpreisen zum Ausdruck kommen, sowie ausgeprägte Basiseffekte lassen darauf schließen, dass der Preisauftrieb bei Energie nachlassen und sich 2027 ins Negative kehren dürfte, bevor er 2028 aufgrund der Einführung des EU-Emissionshandelssystems 2 (EU-EHS2) wieder leicht anziehen dürfte. Im Gegensatz dazu dürfte der Energieschock schrittweise auf die HVPI-Komponenten ohne Energie durchschlagen. Die Inflation dieser Komponenten dürfte bis Mitte 2027 weiter anziehen und den Rückgang der Teuerung bei der Energiekomponente teilweise ausgleichen, bevor sie sich 2028 wieder abschwächen dürfte. Der Preisauftrieb bei Nahrungsmitteln wird den Projektionen zufolge im zweiten Quartal 2027 mit 3,7 % seinen Höchststand erreichen und dann 2028 nachlassen. Auch die HVPI-Inflation ohne Energie und Nahrungsmittel (HVPIX) wird den Projektionen zufolge Anfang 2027 auf einen Höchststand von 2,7 % steigen und sich dann ab dem zweiten Quartal des Jahres abschwächen. Indirekte Auswirkungen und Zweitrundeneffekte des aktuellen Energieschocks dürften geringer ausfallen als in den Jahren 2021 bis 2024. Sie werden durch die schwächeren Aussichten für die gesamtwirtschaftliche Nachfrage (wodurch die Inflationsausgleichseffekte auf die Löhne begrenzt werden dürften), die zurückliegende Aufwertung des Euro und die anhaltende Importdurchdringung aus China gedämpft. Gleichzeitig wird angenommen, dass Lieferkettenengpässe den Kostendruck insgesamt nicht erheblich verstärken werden. Insgesamt wird die HVPI-Inflation den Basisprojektionen zufolge von 2,1 % im Jahr 2025 auf 3,0 % im Jahr 2026 steigen, bevor sie 2027 auf 2,3 % sinkt und 2028 dann wieder auf den Zielwert von 2,0 % zurückkehrt. Gegenüber den Projektionen vom März 2026 wurden die Aussichten für die HVPI-Inflation für 2026 um 0,4 Prozentpunkte und für 2027 um 0,3 Prozentpunkte nach oben revidiert. Ausschlaggebend hierfür waren vor allem die Annahmen höherer Energie- und Nahrungsmittelpreise sowie stärkerer indirekter Auswirkungen auf die Inflation ohne Energie. Für 2028 wurde die HVPI-Inflation um 0,1 Prozentpunkte nach unten revidiert, was zum Teil darauf zurückzuführen ist, dass die Ölpreise stärker gesunken sind als zuvor angenommen. Die HVPIX-Inflation wurde für 2026, 2027 und 2028 um 0,2, 0,3 bzw. 0,1 Prozentpunkte nach oben revidiert, was sowohl auf eine höhere Inflation bei Dienstleistungen und Industrieerzeugnissen (außer Energie) im Zeitraum 2026-2027 als auch auf eine höhere Teuerung bei den Industrieerzeugnissen (außer Energie) im Jahr 2028 zurückzuführen ist.

Alternative Annahmen über das Ausmaß und die Dauer des Krieges im Nahen Osten und des Energiepreisschocks, deren Auswirkungen auf das internationale Umfeld und die Unsicherheit sowie die Übertragung dieser Auswirkungen im Wege indirekter Auswirkungen und Zweitrundeneffekte würden zu gesamtwirtschaftlichen Ergebnissen führen, die deutlich von den oben genannten Werten abweichen. Zur Veranschaulichung dieser Unsicherheit haben die Fachleute drei alternative Szenarien ausgearbeitet: ein adverses, ein schwerwiegendes und ein milderes Szenario. Aus diesen Szenarien ergeben sich anschauliche Beispiele für divergierende Entwicklungen der Energierohstoffpreise und deren Transmission auf die Wirtschaft des Euroraums. Dabei handelt es sich nicht um Prognosen, und die Fachleute weisen ihnen keine Wahrscheinlichkeiten zu.

  • Das adverse Szenario geht davon aus, dass der Anstieg der Energiepreise stärker ausfällt und länger anhält als im Basisszenario. Zudem beinhaltet es eine höhere Unsicherheit und größere internationale Ansteckungseffekte sowie stärkere indirekte Auswirkungen und Zweitrundeneffekte auf die Inflation. Im Vergleich zum Basisszenario ergibt sich eine höhere Inflation für 2026-2028 (siehe Tabelle 1). Umgekehrt würde das BIP-Wachstum in den Jahren 2026 und 2027 geringer ausfallen als im Basisszenario und im Jahr 2028 dem Basisszenario entsprechen.
  • Im schwerwiegenden Szenario wird davon ausgegangen, dass der Energiepreisschock stärker ausfällt und länger andauert, die Unsicherheit größer ist und die Löhne und Preise (außer Energie) stärker reagieren als im adversen Szenario. Daraus ergibt sich eine deutlich und dauerhaft höhere Gesamtinflation über den gesamten Projektionszeitraum hinweg als im Basisszenario. Dies entspricht den bisherigen Erfahrungen, dass ein großer Energiepreisschock mit Nichtlinearitäten verbunden ist. Das BIP-Wachstum würde sich 2026-2027 erheblich verlangsamen, bevor es 2028 etwas schneller anziehen würde als im Basisszenario, was das Wachstum von Einkommen und Nachfrage infolge stärkerer Reaktionen der Löhne widerspiegelt.
  • Die Ölpreise würden sich schließlich im milderen Szenario schneller normalisieren als im Basisszenario. Daraus ergibt sich eine raschere Abschwächung der Inflation, die 2027 und 2028 unter den Zielwert von 2 % fallen würde. Das BIP-Wachstum wiederum würde sich etwas früher und robuster erholen als im Basisszenario.

Tabelle 1

Projektionen für das Wachstum und die Inflation im Euroraum

(Veränderung gegenüber Vorjahr in %)

Basisszenario März 2026

Juni 2026 – Basisprojektionen und alternative Szenarien

Basisszenario

Milderes Szenario

Adverses Szenario

Schwerwiegendes Szenario

Reales BIP

2025

1,5

1,5

1,5

1,5

1,5

2026

0,9

0,8

0,8

0,7

0,5

2027

1,3

1,2

1,4

0,9

0,4

2028

1,4

1,5

1,6

1,5

1,6

HVPI

2025

2,1

2,1

2,1

2,1

2,1

2026

2,6

3,0

2,9

3,3

4,0

2027

2,0

2,3

1,8

3,0

5,3

2028

2,1

2,0

1,8

2,3

3,0

HVPI ohne Energie und Nahrungsmittel

2025

2,4

2,4

2,4

2,4

2,4

2026

2,3

2,5

2,4

2,5

2,5

2027

2,2

2,5

2,3

2,7

3,8

2028

2,1

2,2

2,1

2,3

2,9

Anmerkung: Die Zahlen für das reale BIP beziehen sich auf die Jahresdurchschnittswerte der saison- und arbeitstäglich bereinigten Daten. Aufgrund von Daten, die erst nach dem Redaktionsschluss der vorliegenden Projektionen veröffentlicht wurden, können historische Daten von den jüngsten Eurostat-Veröffentlichungen abweichen. Die Daten für die Basisprojektionen, darunter auch vierteljährliche Daten, können über die Macroeconomic Projection Database auf der Website der EZB heruntergeladen werden.

2 Gesamtwirtschaftliche Projektionen für die Wirtschaft des Euroraums

2.1 Realwirtschaft

Die Wirtschaft des Euroraums hat sich angesichts der Handels- und Unsicherheitsschocks im Jahr 2025 und im ersten Quartal 2026 als relativ widerstandsfähig erwiesen, sofern von der Volatilität der irischen Daten abgesehen wird. Der Schnellschätzung von Eurostat zufolge stieg das reale BIP im ersten Quartal 2026 um 0,1 %.[2] Legt man für das BIP des Euroraums eine bereinigte Messgröße zugrunde, indem für Irland anstelle des BIP die „modifizierte Inlandsnachfrage“ verwendet wird, wuchs es im selben Zeitraum um 0,2 %. Damit stieg es geringfügig weniger als in den März-Projektionen erwartet, nachdem im vierten Quartal 2025 eine Wachstumsrate von 0,4 % verzeichnet worden war (siehe Abbildung 1, Grafik a).[3] Der Krieg im Nahen Osten, der gegen Ende des ersten Quartals 2026 begann, wirkte sich nicht erheblich negativ auf das Wachstum in diesem Quartal aus.

Der Konflikt im Nahen Osten belastet die kurzfristigen Wachstumsaussichten. Die Energiepreisschocks und die Unsicherheit erweisen sich als stärker und dauerhafter als zuvor erwartet, was zu einem weiteren Rückgang der Kaufkraft und des Vertrauens führt. Die bis Mai verfügbaren Umfrageergebnisse deuten darauf hin, dass sich die Wachstumsdynamik seit Beginn des Krieges im Nahen Osten abgeschwächt hat. Nach seinem drastischen Rückgang im April sank der Einkaufsmanagerindex (EMI) für die Produktion im verarbeitenden Gewerbe und im Dienstleistungssektor im Mai leicht auf 48,6 Punkte. Ausschlaggebend hierfür war ein Rückgang des EMI für die Produktion im verarbeitenden Gewerbe, wenngleich er nach wie vor oberhalb der Wachstumsschwelle lag, was zum Teil auf den Lageraufbau infolge möglicher Angebotsstörungen aufgrund des Konflikts im Nahen Osten zurückzuführen war. Die zukunftsgerichteten EMI-Indikatoren verbesserten sich gegenüber den im April verzeichneten Tiefständen zwar etwas, die Lieferzeiten der Zulieferer verlängerten sich jedoch weiter. Auch der von der Europäischen Kommission veröffentlichte Indikator der wirtschaftlichen Einschätzung ging im April vor allem aufgrund der sich eintrübenden Stimmung der privaten Haushalte und des Dienstleistungssektors deutlich zurück, auch wenn er sich im Mai etwas stabilisierte. Diese weitgehend negativen Signale aus den Umfrageergebnissen für die kurzfristigen Wachstumsaussichten werden teilweise durch eine angenommene starke Zunahme des irischen BIP-Wachstums ausgeglichen, die jedoch mit erheblicher Unsicherheit behaftet ist (siehe Abbildung 1, Grafik a). Bei Verwendung der modifizierten Binnennachfrage in Irland fällt die Abschwächung stärker aus. So ging das Wachstum im Euroraum von 0,2 % im ersten auf 0,1 % im zweiten und dritten Quartal zurück, bevor es im vierten Quartal leicht auf 0,2 % anstieg. Dies impliziert eine Abwärtskorrektur um 0,1 Prozentpunkte gegenüber den März-Projektionen für das dritte und vierte Quartal sowie eine verhaltenere Handels- und Konsumdynamik als zuvor erwartet.

Abbildung 1

Reales BIP des Euroraums

a) Wachstum des realen BIP

(Veränderung gegen Vorquartal in %, Beiträge in Prozentpunkten, saison- und arbeitstäglich bereinigte Quartalswerte)


b) Höhe des realen BIP

(Index, Q1 2024 = 100)

Anmerkung: Historische Daten können von den jüngsten Eurostat-Veröffentlichungen abweichen. Die vertikale Linie markiert den Beginn des aktuellen Projektionszeitraums. In Grafik a) stellen die roten Balken den Einfluss des Wachstums des realen BIP in Irland auf das Aggregat des Euroraums dar, die gelben Balken beziehen sich auf das Wachstum in den anderen Ländern des Euroraums.

Mit der Erholung der Binnennachfrage dürfte sich das Wachstum des realen BIP von 0,8 % im Jahr 2026 auf 1,2 % im Jahr 2027 und 1,5 % im Jahr 2028 erhöhen. Voraussetzung hierfür ist die in den Energieterminkontrakten enthaltene Annahme, dass der Schock vorübergehender Natur ist und dass sich der Beitrag der Nettoexporte 2027 ins Positive kehrt (siehe Abbildung 2). Den Projektionen zufolge wird der private Verbrauch mittelfristig den größten Beitrag zum Wachstum leisten, gefolgt von einer robusten Investitionsdynamik. Nach Verwendungskomponenten:

  • Die Konsumausgaben der privaten Haushalte dürften durch Kaufkraftverluste und die höhere Unsicherheit auf kurze Sicht gedämpfter ausfallen, sollten jedoch mittelfristig wieder anziehen. Das Vertrauen der Verbraucher hat sich seit dem Kriegsbeginn im Nahen Osten merklich abgeschwächt, was auf ein vorsichtigeres Konsumverhalten hindeutet. Mit Blick auf die Zukunft wird erwartet, dass sich das Wachstum der privaten Konsumausgaben beschleunigt. Gestützt wird es durch eine Erholung des Reallohnwachstums – nach dem Rückgang im Jahr 2026 aufgrund der höheren Inflation – und durch die nach wie vor robusten Arbeitsmärkte. Die Sparquote der privaten Haushalte dürfte auf kurze Sicht schwanken, da sie versuchen, ihren Konsum angesichts des Energieschocks zu glätten. In einigen Ländern wird die Glättung des Konsums von finanzpolitischen Maßnahmen im Zusammenhang mit den Energiepreisen gestützt, während durch Vorsichtsmotive vorübergehend ein gewisser Aufwärtsdruck auf die Ersparnisse zu erwarten ist. Sobald die Unsicherheit nachlässt, die Vorsichtsmotive schwinden und das Vertrauen wieder zu seinen historischen Normwerten zurückkehrt, dürfte die Sparquote mittelfristig von ihrem noch immer erhöhten Niveau allmählich zurückgehen – von 14,5 % des verfügbaren Einkommens im Jahr 2025 auf 13,9 % im Jahr 2028.
  • Die Konsumausgaben des Staates dürften das mittelfristige Wachstum weiterhin stützen. Allerdings dürften sie über den Projektionszeitraum hinweg etwas weniger dazu beitragen als in den letzten Jahren. Die für 2027 erwartete Abkühlung ist in erster Linie auf das Auslaufen der NGEU-Mittel in einigen Ländern und weitere Haushaltseinsparungen in anderen Ländern zurückzuführen (siehe auch Kasten 3).
  • Die Investitionen dürften trotz einer leichten Abschwächung im Jahr 2026 über den gesamten Projektionszeitraum hinweg über das BIP-Wachstum hinausgehen, da die Unsicherheit im Zusammenhang mit dem Krieg im Nahen Osten nachlässt, die Digitalisierungsbemühungen intensiviert werden und die Verteidigungs- und Infrastrukturausgaben steigen. Die privaten Investitionen dürften aufgrund der durch den Konflikt im Nahen Osten erhöhten Unsicherheit und geringeren Nachfrage auf kurze Sicht gedämpft bleiben. Die Unternehmensinvestitionen (ohne die volatilen Investitionen in geistiges Eigentum in Irland) dürften sich ab der zweiten Jahreshälfte trotz restriktiverer Finanzierungsbedingungen erholen, da die Unsicherheit hinsichtlich der Energiepreise, des Konflikts im Nahen Osten und der Lieferengpässe nachlassen dürfte. Diese Erholung sollte durch eine steigende Nachfrage und Digitalisierungsbemühungen angesichts der raschen Fortschritte im Bereich der KI weiter unterstützt werden. Das nach dem Auslaufen des NGEU-Programms rückläufige Wachstum der öffentlichen Investitionen in den Jahren 2027 bis 2028 dürfte durch eine Zunahme der Unternehmensinvestitionen weitgehend ausgeglichen werden. Dies dürfte teilweise durch Übertragungseffekte der gestiegenen Verteidigungs- und Infrastrukturausgaben auf den privaten Sektor sowie durch eine allmähliche Steigerung der Gewinne im Zuge der Normalisierung der Nachfrage gestützt werden. Während die Wohnungsbauinvestitionen in der ersten Jahreshälfte 2026 unter anderem aufgrund witterungsbedingter Auswirkungen auf das Baugewerbe von einer erheblichen Volatilität geprägt sein dürften, hat sich der Ausblick aufgrund des zunehmenden angebotsseitigen Drucks und der nachlassenden Nachfrage eingetrübt. Dennoch dürften sich die Wohnungsbauinvestitionen über den Projektionszeitraum hinweg weiter erholen. Gestützt wird dies durch die robusten Arbeitsmärkte und die Erholung der Realeinkommen, wenngleich höhere Hypothekenzinsen die Finanzierbarkeit nach wie vor beeinträchtigen.
  • Die Exporte dürften den Projektionen zufolge verhalten bleiben, was auf fortdauernde Wettbewerbshemmnisse im Euroraum zurückzuführen ist. Diese werden durch Faktoren wie US-Zölle und die zurückliegende Aufwertung des Euro noch verschärft. Auf kurze Sicht dürfte der Konflikt im Nahen Osten das Exportwachstum durch eine Abschwächung der Weltwirtschaft weiter dämpfen. Darüber hinaus wird erwartet, dass a) eine Verlagerung der Nachfrage weg von den Kernexporten des Euroraums vor dem Hintergrund eines KI-gestützten Welthandelswachstums, b) die anhaltend geringe Wettbewerbsfähigkeit der Exportpreise, die durch die Stärke des Euro noch verstärkt wird, und c) die neuen Zölle (siehe Kasten 2), die die Ausfuhren in die Vereinigten Staaten zunehmend einschränken, auch mittelfristig das Ausfuhrvolumen einschränken werden. Infolgedessen dürfte der Anteil des Euroraums an den globalen Exportmärkten verhalten bleiben. Aufgrund der hohen Energiepreise werden die Importe den Projektionen zufolge auf kurze Sicht schwach ausfallen, bevor sie sich auf mittlere Sicht weitgehend der Entwicklung der Exporte angleichen. KI- und Verteidigungsinvestitionen dürften mittelfristig zu einer Importnachfrage führen. Im Jahr 2026 wird von einem negativen Beitrag der Nettoexporte zum BIP-Wachstum ausgegangen, in den Jahren 2027 und 2028 hingegen wird mit einem leicht positiven Beitrag gerechnet.

Abbildung 2

Wachstum des realen BIP im Euroraum – Aufgliederung in die wichtigsten Verwendungskomponenten

(Veränderung gegenüber Vorjahr in % und Beiträge in Prozentpunkten)

Anmerkung: Die Daten sind saison- und arbeitstäglich bereinigt. Aufgrund von Daten, die erst nach dem Redaktionsschluss der vorliegenden Projektionen veröffentlicht wurden, können historische Daten von den jüngsten Eurostat-Veröffentlichungen abweichen. Die vertikale Linie markiert den Beginn des Projektionszeitraums.

Es wird erwartet, dass die Binnennachfrage durch die laufenden fiskalischen Impulse im Zusammenhang mit den Verteidigungs- und Infrastrukturausgaben gestützt wird. Der Wachstumseffekt der Staatsausgaben für Verteidigung und Infrastruktur, die vor allem auf Deutschland entfallen und 2026 den stärksten Impuls liefern werden, wird für den Zeitraum 2025 bis 2028 auf insgesamt 0,5 Prozentpunkte geschätzt.[4] Die von den Regierungen seit Beginn des Krieges im Nahen Osten ergriffenen energiepolitischen Stützungsmaßnahmen sind überwiegend befristet und dürften sich nur geringfügig auf das Wachstum auswirken.

Im Vergleich zu den Projektionen vom März 2026 ist das Wachstum des realen BIP für 2026 und 2027 um 0,1 Prozentpunkte nach unten und für 2028 um 0,1 Prozentpunkte nach oben korrigiert worden (siehe Abbildung 3 und Tabelle 2). Der Konflikt im Nahen Osten hat zu einem weiteren Anstieg der Ölpreise, der geopolitischen Unsicherheit und der Volatilität an den Rohstoff- und Finanzmärkten geführt. Das BIP-Wachstum fiel im ersten Quartal unerwartet schwach aus, doch dies war in erster Linie auf die Volatilität der irischen Daten zurückzuführen, die auf die kurze Sicht zu relativ umfangreichen Aufwärtsrevisionen des irischen Wachstums geführt hat. Abgesehen von dieser Volatilität hängt die Abwärtskorrektur des unterjährigen Wachstums im Jahr 2026 hauptsächlich mit schwächeren Konsumaussichten zusammen. Es wird nun davon ausgegangen, dass der Konflikt im Nahen Osten etwas länger andauern wird, sodass er sich stärker auf die Inflation und damit auf die Realeinkommen auswirkt.[5] Gegen Ende des Projektionszeitraums deuten der Rückgang der Energierohstoffpreise, eine Erholung des real verfügbaren Einkommens und ein steigendes Vertrauen auf ein etwas stärkeres Wachstum im Jahr 2028 hin. Da die Wachstumsaussichten in den März-Projektionen bereits nach unten revidiert worden waren, treten die erwarteten Auswirkungen des Krieges auf das Wachstum deutlicher hervor, wenn die Projektionen vom Juni 2026 mit den Projektionen vom Dezember 2025 verglichen werden. Demnach ist für 2026 und 2027 eine kumulierte Abwärtsrevision um 0,5 Prozentpunkte und für 2028 eine Aufwärtskorrektur um 0,1 Prozentpunkte zu erwarten.

Abbildung 3

Revision der Projektionen für das Wachstum des realen BIP seit den Projektionen vom März 2026

a) Aufgliederung in Effekte im Jahresverlauf und statistische Überhangeffekte

b) Aufgliederung nach den wichtigsten Verwendungskomponenten

(in Prozentpunkten)

(in Prozentpunkten)

Anmerkung: Die vertikale Linie markiert den Beginn des aktuellen Projektionszeitraums. Die Revisionen basieren auf nicht gerundeten Zahlen.

Tabelle 2

Projektionen für das reale BIP, den Handel und die Arbeitsmärkte

(soweit nicht anders angegeben, Veränderung gegenüber Vorjahr in %; Revisionen in Prozentpunkten)

 

Juni 2026

Revisionen gegenüber März 2026

2025

2026

2027

2028

2026

2027

2028

Reales BIP

1,5

0,8

1,2

1,5

-0,1

-0,1

0,1

Reales BIP mit modifizierter Inlandsnachfrage für Irland1)

1,1

0,9

1,1

1,5

-0,1

-0,1

0,1

Private Konsumausgaben

1,5

0,8

1,0

1,4

-0,2

-0,1

0,2

Konsumausgaben des Staates

1,6

1,6

1,0

1,3

-0,2

-0,1

0,0

Investitionen

3,1

1,8

1,7

2,1

-0,1

0,0

0,0

Ausfuhren2)

2,1

1,1

2,6

2,9

-0,1

0,2

0,1

Einfuhren2)

3,8

1,6

2,4

3,0

-0,4

0,0

0,1

Beitrag zum BIP aus:

 

 

 

 

 

 

 

Binnennachfrage

1,8

1,1

1,1

1,5

-0,2

-0,1

0,2

Außenbeitrag

-0,7

-0,2

0,2

0,1

0,1

0,1

0,1

Änderungen der Lagerbestände

0,3

-0,1

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

Real verfügbares Einkommen

1,0

0,3

1,0

1,1

-0,3

-0,2

0,2

Sparquote der privaten Haushalte
(% des verfügbaren Einkommens)

14,5

14,1

14,1

13,9

-0,5

-0,5

-0,6

Beschäftigung3)

0,7

0,4

0,5

0,6

-0,1

0,1

0,2

Arbeitslosenquote

6,3

6,3

6,2

6,0

0,0

-0,1

-0,2

Leistungsbilanz (% des BIP)

1,7

1,3

1,5

1,5

0,2

0,1

-0,1

Anmerkung: Die Zahlen für das reale BIP und seine Komponenten beziehen sich auf saison- und arbeitstäglich bereinigte Daten. Aufgrund von Daten, die erst nach dem Redaktionsschluss der vorliegenden Projektionen veröffentlicht wurden, können historische Daten von den jüngsten Eurostat-Veröffentlichungen abweichen. Die Revisionen wurden auf Basis gerundeter Zahlen berechnet.
1) Die modifizierte Inlandsnachfrage wird in Fußnote 3 beschrieben.
2) Einschließlich des Handels der Euro-Länder untereinander.
3) Beschäftigte.

Der Arbeitsmarkt dürfte robust bleiben, da davon ausgegangen wird, dass die Unternehmen als Reaktion auf einen vorübergehenden Rückgang des Wirtschaftswachstums infolge des Konflikts im Nahen Osten Arbeitskräfte horten. Im Jahr 2025 ging das Beschäftigungswachstum nach Jahren eines recht kräftigen Wachstums zurück. Bereits vor dem Kriegsbeginn im Nahen Osten wurde für 2026 und 2027 mit einem weiter anhaltenden Abbau von Ungleichgewichten gerechnet. Die Projektionen vom Juni 2026 spiegeln die Erwartung wider, dass die Unternehmen ihre Arbeitskräfte trotz des negativen Produktionsschocks auf kurze Sicht weitgehend halten werden. Da davon ausgegangen wird, dass die Folgen des Konflikts vorübergehender Natur sind, werden die Vorteile, die Unternehmen aus Entlassungen ziehen könnten, durch die Kosten und Herausforderungen späterer Neueinstellungen aufgewogen. Das Beschäftigungswachstum dürfte 2026 etwas niedriger ausfallen als in den März-Projektionen erwartet. In den Jahren 2027 und 2028 dürfte es sich aber als robuster erweisen und den Projektionen zufolge mit einer Jahreswachstumsrate von rund 0,5 % bis 0,6 % zunehmen (siehe Abbildung 4, Grafik a). Dies spiegelt die Dynamik der Wirtschaftstätigkeit wider, einschließlich positiverer Aussichten für das BIP-Wachstum im Jahr 2028. Das Beschäftigungswachstum bleibt jedoch unter dem Niveau, das der historische Zusammenhang mit der Produktion nahelegt, da auf dem Arbeitsmarkt die Phase des Abbaus von Ungleichgewichten weiter anhält. Dieser Anpassungspfad führt im Jahr 2027 gegenüber den März-Projektionen zu einer leichten Abwärtsrevision des Arbeitsproduktivitätswachstums um 0,1 Prozentpunkte. Die Arbeitslosenquote dürfte über den Projektionszeitraum hinweg auf 6,0 % im Jahr 2028 zurückgehen, was gegenüber den März-Projektionen eine Abwärtsrevision darstellt (siehe Abbildung 4, Grafik b). Diese Revision ist in erster Linie darauf zurückzuführen, dass die jüngsten Daten für einige Länder besser ausfielen als erwartet und für 2028 ein etwas positiveres Produktions- und Beschäftigungswachstum projiziert wird. Darüber hinaus dürften strukturelle Faktoren wie die demografische Entwicklung zu einer niedrigeren Arbeitslosenquote beitragen.

Abbildung 4

Arbeitsmarkt im Euroraum

a) Beschäftigung

b) Arbeitslosenquote

(Veränderung gegenüber Vorjahr in %)

(in % der Erwerbspersonen)

Anmerkung: Die vertikale Linie markiert den Beginn des aktuellen Projektionszeitraums.

Kasten 1
Außenwirtschaftliches Umfeld

Der anhaltende Krieg im Nahen Osten übt einen erheblichen Abwärtsdruck auf die Weltwirtschaft aus, der vor allem durch höhere Preise für Energierohstoffe bedingt ist.[6] Die Blockade der Straße von Hormus und das bisherige Scheitern der Friedensverhandlungen haben die Energiepreise, insbesondere die Ölpreise, auf hohem Niveau gehalten. Diese Preisschocks und Störungen der Lieferketten haben in Kombination mit restriktiveren globalen Finanzierungsbedingungen und erhöhter geopolitischer Unsicherheit die globalen Wachstumsaussichten eingetrübt. Die Aussichten werden jedoch weiterhin durch robuste Investitionen im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz und durch politische Maßnahmen gestützt.

Das Wachstum des weltweiten realen BIP wird sich den Projektionen zufolge von 3,6 % im Jahr 2025 auf 3,0 % im Jahr 2026 verlangsamen, bevor 2027 mit 3,2 % und 2028 mit 3,3 % eine leichte Erholung einsetzt (siehe Tabelle A). Angesichts der Auswirkungen des Krieges auf die private Nachfrage und der restriktiveren Finanzierungsbedingungen, die über den gesamten Projektionszeitraum hinweg anhalten dürften, wurden die Wachstumsaussichten für 2026 weiter nach unten korrigiert.[7] In den Vereinigten Staaten erholte sich Anfang 2026 die Konjunktur nach dem Ende des Verwaltungsstillstands, dürfte aber aufgrund der höheren Ölpreise in nächster Zeit gedämpft sein. Das Wachstum in China dürfte sich 2026 auf 4,7 % verlangsamen, bevor es sich in den Folgejahren bei rund 4,0 % stabilisiert.

Die globale Inflation dürfte von 3,1 % im Jahr 2025 auf 3,5 % im Jahr 2026 ansteigen, was in erster Linie auf höhere Energiepreise, aber auch auf die Preise für Rohstoffe ohne Energie zurückzuführen ist.[8] Der inflationäre Effekt dürfte in den einzelnen Regionen unterschiedlich ausfallen, wobei die Industrieländer und einige rohstoffimportierende Schwellenländer die stärksten Auswirkungen erfahren dürften. Die globale Inflation wurde für 2026 gegenüber den März-Projektionen um 0,4 Prozentpunkte und für 2027 um 0,3 Prozentpunkte nach oben revidiert.

Der Krieg im Nahen Osten dürfte die Auslandsnachfrage nach Produkten des Euroraums schwächen und die Exportpreise der Wettbewerber des Euroraums in die Höhe treiben. Das Wachstum der Auslandsnachfrage wird sich den Projektionen zufolge von 4,6 % im Jahr 2025 auf 3,2 % im Jahr 2026 drastisch verlangsamen und in den Jahren 2027 und 2028 auf jeweils 3,4 % ansteigen. Das kräftige Importwachstum im ersten Quartal 2026 spiegelt eine höhere Importnachfrage in den Vereinigten Staaten, Südkorea, China und anderen Ländern wider, die teilweise durch den starken Handel mit technologiebezogenen Produkten und Dienstleistungen bedingt war. Damit erklärt sich der Großteil der Aufwärtsrevision für 2026 gegenüber den März-Projektionen. Mit Blick auf die Zukunft dürfte der Welthandel durch verschiedene Entwicklungen gestützt werden: die Nachfrage nach technologiebezogenen Gütern, eine geringere Unsicherheit über handelspolitische Maßnahmen wie Zölle und eine weniger ausgeprägte Abschwächung des Handels in den Schwellenländern als in früheren Projektionen erwartet. Diese führten insbesondere für 2026 zu einer Aufwärtskorrektur der Auslandsnachfrage nach Produkten des Euroraums. Dennoch dürften die steigenden Energiepreise die Nachfrage nach Exporten des Euroraums dämpfen. Es wird erwartet, dass die Wettbewerber des Euroraums aufgrund höherer Energiekosten einen deutlichen Anstieg der Exportpreise verzeichnen werden.

Tabelle A

Das außenwirtschaftliche Umfeld

(Veränderung gegenüber Vorjahr in %, Revisionen in Prozentpunkten)

 

Juni 2026

Revisionen gegenüber März 2026

2025

2026

2027

2028

2025

2026

2027

2028

Weltweites reales BIP (ohne Euroraum)

3,6

3,0

3,2

3,3

0,0

-0,3

0,0

0,0

Welthandel (ohne Euroraum)1)

5,5

4,2

3,6

3,5

0,5

1,9

0,7

0,3

Auslandsnachfrage nach Produkten des Euro-Währungsgebiets2)

4,6

3,2

3,4

3,4

0,3

1,1

0,4

0,1

Weltweiter VPI (ohne Euroraum)

3,1

3,5

3,0

2,5

0,0

0,4

0,3

0,0

Exportpreise der Wettbewerber in Landeswährung3)

1,2

4,2

2,5

1,7

0,0

1,7

0,5

0,1

Anmerkung: Die Revisionen wurden auf Basis gerundeter Zahlen berechnet.
1) Berechnet als gewichteter Durchschnitt der Importe.
2) Berechnet als gewichteter Durchschnitt der Importe von Handelspartnern des Euroraums.
3) Berechnet als gewichteter Durchschnitt der Exportdeflatoren von Handelspartnern des Euroraums.

Kasten 2
Technische Annahmen

Verglichen mit den Projektionen vom März 2026 gehen die technischen Annahmen von deutlich höheren Ölpreisen, einem etwas stärkeren Euro, höheren Zinssätzen und einer Erhöhung des effektiven US-Zollsatzes auf Einfuhren aus dem Euroraum aus. Die Ölpreise sind seit den März-Projektionen weiter deutlich gestiegen, da der Krieg im Nahen Osten zu schwerwiegenden Unterbrechungen der Öllieferungen durch die Straße von Hormus geführt hat. Normalerweise machen diese etwa 20 % des weltweiten Ölangebots aus.[9] Es wird davon ausgegangen, dass die Ölpreise im zweiten Quartal 2026 durchschnittlich 112 USD je Barrel betragen werden. Das sind 25 % mehr als in den März-Projektionen angenommen und über 75 % mehr als in den Projektionen vom Dezember 2025. Auch die Ölpreisannahmen für die Jahre 2027 bis 2028 wurden – wenn auch in geringerem Maße – nach oben revidiert. Dies impliziert einen stärkeren angenommenen Rückgang über den Projektionszeitraum hinweg (-32 % bis Ende 2028 gegenüber -22 % in den März-Projektionen). Die Annahmen zu den Gaspreisen hingegen wurden auf kurze Sicht aufgrund einer geringeren Nachfrage leicht nach unten revidiert, im weiteren Verlauf des Projektionszeitraums jedoch nach oben, da die Störungen der Gasversorgung voraussichtlich länger anhalten werden. Die Strompreise wurden für den Zeitraum 2026-2028 im Durchschnitt leicht nach oben revidiert.[10] Das Wachstum der Ab-Hof-Preise im Euroraum in den Jahren 2026 und 2027 wurde gegenüber den Projektionen vom März vor dem Hintergrund höherer Weltmarktpreise für Nahrungsmittel und Energierohstoffe nach oben revidiert. Der Euro hat seit den Projektionen vom März zum US-Dollar um 0,7 % und in effektiver Rechnung um 0,3 % aufgewertet. Die Markterwartungen hinsichtlich der kurzfristigen Zinssätze wurden für 2027 um 0,3 Prozentpunkte und für 2028 um 0,2 Prozentpunkte nach oben revidiert, während die Langfristzinsen über den gesamten Projektionszeitraum hinweg um 0,1 Prozentpunkte nach oben revidiert wurden. Nach den Berichtigungen der US-Zolltarife wurde der effektive US-Zollsatz auf Wareneinfuhren aus der EU, ausgehend von den in den März-Projektionen geschätzten 10,5 %; in den Juni-Projektionen auf 12 % angehoben. In erster Linie ist dies auf neue Zölle auf patentierte Arzneimittel zurückzuführen. Es wird davon ausgegangen, dass der Zollsatz über den gesamten Projektionszeitraum hinweg auf diesem Niveau verbleiben wird. Im Vergleich zu diesen Sätzen wird der effektive Zollsatz der USA gegenüber allen ihren Handelspartnern auf 13 % geschätzt und ist damit gegenüber den Projektionen vom März weitgehend unverändert geblieben.

Tabelle A

Technische Annahmen

Juni 2026

Revisionen gegenüber März 2026

2025

2026

2027

2028

2026

2027

2028

Rohstoffe:

Ölpreis (in USD/Barrel)

69,1

96,9

82,2

77,1

19,2

14,0

9,8

Erdgaspreise (in €/MWh)

36,2

45,6

37,5

27,9

-1,6

2,4

6,9

Großhandelspreise für Strom (in €/MWh)

83,6

89,3

78,2

68,1

1,9

0,4

4,4

Preise der im EU-EHS 1 gehandelten Emissionszertifikate (in €/Tonne CO2)

73,9

74,6

76,4

79,2

2,3

4,1

4,8

Preise der im EU-EHS 2 gehandelten Emissionszertifikate (in €/Tonne CO2)

 –

46,0

0,0

Preise für Rohstoffe ohne Energie (in USD) (Veränderung gegen Vorjahr in %)

5,8

3,0

0,8

-1,9

2,2

0,3

-1,3

Ab-Hof-Preise im Euroraum (Veränderung gegen Vorjahr in %)

4,1

-0,4

2,9

-0,2

1,4

0,8

-0,7

Wechselkurse:

 

 

 

 

 

 

 

USD/EUR-Wechselkurs

1,13

1,17

1,17

1,17

0,6

0,7

0,7

Nominaler effektiver Wechselkurs des Euro (EWK-40) (Q1 1999 = 100)

128,3

130,0

129,8

129,8

0,3

0,3

0,3

Finanzielle Annahmen:

 

 

 

 

 

 

 

Dreimonats-EURIBOR (in % p. a.)

2,2

2,4

2,8

2,7

0,1

0,2

0,1

Renditen zehnjähriger Staatsanleihen (in % p. a.)

3,1

3,4

3,7

3,8

0,1

0,1

0,1

Anmerkung: Revisionen sind bei Niveauunterschieden in Prozent, bei Wachstumsraten in Prozentpunkten und in Prozent pro Jahr angegeben. Die Revisionen der Wachstumsraten und Zinssätze werden anhand von auf eine Dezimalstelle gerundeten Zahlen berechnet. Die als prozentuale Veränderungen angegebenen Revisionen werden indes auf Basis nicht gerundeter Zahlen berechnet. Die technischen Annahmen zu den Zinssätzen und Rohstoffpreisen im Euroraum beruhen auf den Markterwartungen. Redaktionsschluss war der 21. Mai 2026. Als Referenz für die Ölpreise dienen die Kassa- und Terminpreise für Rohöl der Sorte Brent. Die Gaspreise basieren auf den Kassa- und Terminpreisen am Dutch TTF. Die Strompreise basieren auf dem durchschnittlichen Großhandelskassa- und Großhandelsterminpreis der fünf größten Länder des Euroraums. Der „synthetische“ Terminpreis für Emissionszertifikate im Rahmen des EHS 1 (EUA) wird als linear interpolierter Monatsendwert der beiden nächsten EEX EUA Futures abgeleitet. Die monatlichen EUA-Terminpreise werden dann gemittelt, um den Preis auf Jahresbasis zu bestimmen. Da EHS-2-Zertifikate kaum gehandelt werden, setzten unsere Fachleute die Annahme für den Preis in der Höhe fest, die von der Europäischen Kommission in ihrer Herbstprognose 2025 angenommen wurde (siehe Kasten Die gesamtwirtschaftlichen Folgen klimapolitischer Maßnahmen im Euroraum in den Projektionen des Eurosystems vom Dezember 2025). Die Entwicklung der Rohstoffpreise wird von den Terminmärkten in den zehn Arbeitstagen bis zum Redaktionsschluss abgeleitet. Eine Ausnahme bilden die Ab-Hof-Preise im Euroraum, die mithilfe eines ökonometrischen Modells prognostiziert werden, das die Entwicklung der Weltmarktpreise für Nahrungsmittelrohstoffe berücksichtigt. Es wird angenommen, dass die bilateralen Wechselkurse über den Projektionszeitraum unverändert auf dem durchschnittlichen Niveau bleiben, das in den zehn Arbeitstagen bis zum Redaktionsschluss herrschte. Die Annahmen zu den nominalen Renditen zehnjähriger Staatsanleihen im Euroraum beruhen auf den durchschnittlichen Renditen der zehnjährigen Anleihen der Länder, die mit den jährlichen BIP-Zahlen gewichtet werden. Soweit die erforderlichen Daten vorliegen, werden die länderspezifischen nominalen Renditen zehnjähriger Staatsanleihen als die Renditen der zehnjährigen Benchmark-Anleihen festgelegt, die anhand der (zum Redaktionsschluss aus den entsprechenden länderspezifischen Zinsstrukturkurven abgeleiteten) Pari-Terminzinsen fortgeschrieben werden. Für die übrigen Länder werden die länderspezifischen Renditen zehnjähriger Staatsanleihen als die Renditen der zehnjährigen Benchmark-Anleihen festgelegt, die anhand eines (zum Redaktionsschluss beobachteten) konstanten Spreads gegenüber der technischen Annahme zu den risikofreien langfristigen Zinssätzen im Euroraum fortgeschrieben werden.

2.2 Preise und Kosten

Die HVPI-Gesamtinflation stieg im April 2026 weiter deutlich an, wobei sich die Auswirkungen des Krieges im Nahen Osten bislang hauptsächlich auf die Energiepreise beschränkten.[11] Der Anstieg der Gesamtrate von 2,6 % im März (1,9 % im Februar) auf 3,0 % im April war durch die starke Teuerung bei Energie getrieben, die sowohl auf einen Anstieg der Energiepreise gegenüber dem Vormonat als auch auf einen aufwärtsgerichteten Basiseffekt zurückzuführen war. Die Teuerung bei Nahrungsmitteln blieb unverändert, während die Teuerung nach dem HVPI ohne Energie und Nahrungsmittel von 2,3 % im März auf 2,2 % sank. Der niedrigere Preisauftrieb bei den Dienstleistungen glich den Anstieg der Teuerung bei den Industrieerzeugnissen ohne Energie – begründet durch steigende Vorleistungskosten im verarbeitenden Gewerbe und steigende Einfuhrpreise – mehr als aus. Insgesamt hielten sich die Auswirkungen des Konflikts auf die Verbraucherpreise ohne Energie bislang in Grenzen.

Abbildung 5

HVPI-Inflation im Euroraum

a) HVPI

(Veränderung gegenüber Vorjahr in %)


b) HVPI und Komponenten

(Veränderung gegenüber Vorjahr in %; Beiträge in Prozentpunkten)

Anmerkung: Die vertikale Linie markiert den Beginn des aktuellen Projektionszeitraums.

Die durchschnittliche Gesamtinflation dürfte 2026 vor allem aufgrund höherer Energiepreise auf 3,0 % ansteigen, bevor sie 2028 mit dem Abklingen des Energieschocks auf 2,0 % zurückgeht (siehe Abbildung 5). Die Gesamtinflation dürfte im dritten Quartal 2026 auf 3,4 % steigen und bis Anfang 2027 auf erhöhtem Niveau bleiben, was vor allem auf die Energiekomponente zurückzuführen ist. Allerdings dürften auch die indirekten Auswirkungen der höheren Energiepreise allmählich zum Tragen kommen, sodass sich die HVPI-Inflation ohne Energie von 2,3 % Anfang 2026 auf durchschnittlich 2,7 % im Jahr 2027 erhöhen dürfte.[12] Indirekte Auswirkungen und Zweitrundeneffekte, die in den Basisprojektionen enthalten sind, dürften milder ausfallen als in der Inflationsphase 2021-2024. Dies ist in erster Linie darauf zurückzuführen, dass der derzeitige Energiepreisschock insgesamt schwächer ausfällt, da der Anstieg der Großhandelspreise für Gas und Strom wesentlich geringer ist (siehe Abbildung 6), aber auch auf das derzeit weniger inflationäre Umfeld, die allgemein schwächere gesamtwirtschaftliche Nachfrage und die Bedingungen am Arbeitsmarkt sowie auf weniger weit verbreitete Lieferengpässe als in der Phase von 2021 bis 2024. Anfang 2027 dürfte die Gesamtinflation aufgrund der erwarteten niedrigeren Energierohstoffpreise und großer energiebezogener Basiseffekte zurückgehen, da in diesem Jahr erhebliche Anstiege der Verbraucherpreise für Energie aus dem Vorjahresvergleich herausfallen. Den Projektionen zufolge wird sie daher im zweiten Quartal 2027 drastisch auf 2,3 % sinken und sich mittelfristig bei rund 2,0 % stabilisieren, da der projizierte Beitrag des Energiepreisanstiegs nahe null liegt und die indirekten Auswirkungen des Energieschocks sowie die Zweitrundeneffekte begrenzt sein dürften (siehe Abbildung 5, Grafik b). Das Potenzial für stärkere indirekte Auswirkungen und Zweitrundeneffekte, wie es beim vorangegangenen Inflationsschock zu beobachten war, wird in der Szenarioanalyse berücksichtigt, die sich auf die Auswirkungen des Krieges im Nahen Osten konzentriert (siehe Kasten 4).

Abbildung 6

Vergleich der Großhandelspreise für Energierohstoffe im Zeitraum 2021-2022 mit den in den aktuellen Projektionen für 2026-2028 angenommenen Preisen

(Veränderung gegenüber Vorjahr in %; Beiträge in Prozentpunkten)

a) 2021-2022

b) Annahmen für das Basisszenario 2026-2028

Quelle: EZB-Berechnungen.
Anmerkung: Der Index ist ein Aggregat aus Rohölpreisen (EUR/Barrel) und Großhandelspreisen für Gas und Strom (EUR/MWh), gewichtet mit dem Anteil der jeweiligen Energiekomponente am Endenergieverbrauch der EU.

Den Projektionen zufolge wird der Preisauftrieb bei Energie im dritten Quartal 2026 mit 12,5 % seinen Höchststand erreichen, 2027 aufgrund niedrigerer Energierohstoffpreise und negativer Basiseffekte drastisch zurückgehen und 2028 mit der Einführung des EHS 2 wieder ansteigen (siehe Abbildung 7). Das Profil der Preissteigerungsrate bei Energie im Jahr 2026 ist mit großer Unsicherheit behaftet und spiegelt Annahmen zu den Preisen für Energierohstoffe, insbesondere zu den Ölpreisen, sowie zu erhöhten Raffinerie- und Vertriebsmargen für Kraftstoffe wider. Die Preissteigerungen bei Rohöl und raffinierten Erdölerzeugnissen werden im Einklang mit historischen Regelmäßigkeiten vollständig und rasch an die Verbraucherpreise für Flüssigbrennstoffe weitergegeben, und zwar in allen Ländern auf recht ähnliche Weise. Bei Gas und Strom ist das Durchwirken der Großhandelspreise auf die Verbraucherpreise jedoch nach wie vor zeitverzögert und von Land zu Land unterschiedlich. Die jüngsten Veränderungen auf den Endkundenmärkten für Energie deuten jedoch darauf hin, dass die Endkundenpreise – insbesondere für Gas – etwas schneller auf Veränderungen der Großhandelspreise reagieren könnten als 2022. Da der Schock aktuell hauptsächlich die Ölpreise betrifft, wird davon ausgegangen, dass die steigende Inflationsrate bei Energie in erster Linie durch die Kraftstoffpreise bedingt sein wird. Gleichzeitig wurden staatliche Maßnahmen angekündigt, die die Auswirkungen des Energiepreisanstiegs abfedern werden. Diese konzentrieren sich auf das zweite Quartal und dürften den Preisauftrieb bei Energie im Jahr 2026 um durchschnittlich rund 0,6 Prozentpunkte verringern. Angesichts der rückläufigen Entwicklung der Öl- und Gasterminpreise und großer abwärtsgerichteter Basiseffekte Anfang 2027 dürfte die Teuerungsrate für Energie den Projektionen zufolge 2027 in den negativen Bereich sinken. Im Jahr 2028 dürfte die Einführung des EHS 2 die Teuerungsrate für Energie in die Höhe treiben.[13]

Abbildung 7

HVPI-Inflation für Energie im Euroraum

(Veränderung gegenüber Vorjahr in %)

Anmerkung: Die vertikale Linie markiert den Beginn des aktuellen Projektionszeitraums.

Die Teuerung bei Nahrungsmitteln wird sich den Projektionen zufolge aufgrund des Energiepreisschocks auf kurze Sicht erhöhen, bevor sie im weiteren Verlauf des Projektionszeitraums auf 2 % zurückgeht (siehe Abbildung 8). Die Teuerung bei Nahrungsmitteln dürfte im zweiten Quartal 2027 mit 3,7 % ihren Höchststand erreichen. Grund hierfür sind die steigenden inländischen Preise für Nahrungsmittelrohstoffe im Zusammenhang mit höheren Energie- und Düngemittelkosten sowie andere indirekte Auswirkungen des Energiepreisschocks. Diese Faktoren dürften den dämpfenden Effekt der sinkenden Rohstoffpreise für Kakao und Kaffee und des nachlassenden Lohndrucks mehr als ausgleichen. Die Teuerung bei Nahrungsmitteln wird den Projektionen zufolge zurückgehen, da sich die Rohstoffpreise stabilisieren und die indirekten Auswirkungen der höheren Energiepreise abklingen.

Abbildung 8

HVPI-Inflation für Nahrungsmittel im Euroraum

(Veränderung gegenüber Vorjahr in %)

Anmerkung: Die vertikale Linie markiert den Beginn des aktuellen Projektionszeitraums.

Es wird erwartet, dass die am HVPIX gemessene Inflation in den Jahren 2026 und 2027 allmählich auf durchschnittlich 2,5 % steigen und danach auf 2,2 % im Jahr 2028 zurückgehen wird (siehe Abbildung 9). Auf kurze Sicht wird die HVPIX-Inflationsrate (HVPI ohne Energie und Nahrungsmittel) den Projektionen zufolge allmählich ansteigen und im ersten Quartal 2027 mit 2,7 % ihren Höchststand erreichen. Dies ist in erster Linie auf einen deutlichen Anstieg der Teuerung bei den Industrieerzeugnissen ohne Energie auf 1,5 % zurückzuführen, während die Teuerung bei den Dienstleistungen mit rund 3,3 % weitgehend stabil bleiben dürfte. Im weiteren Verlauf des Jahres 2027 wird die HVPIX-Inflation den Projektionen zufolge zurückgehen, was auf einen Rückgang der Inflationsrate bei den Dienstleistungen zurückzuführen ist. Die Teuerung bei den Industrieerzeugnissen ohne Energie dürfte weiter anziehen und im zweiten Quartal 2027 einen Höchststand von 1,6 % erreichen, bevor sie ebenfalls zurückgehen wird. Dieses HVPIX-Profil spiegelt die allmählich zunehmenden indirekten Auswirkungen höherer Energiepreise im In- und Ausland wider, die sich in höheren Preisen für Reisedienstleistungen, steigenden Importpreisen und damit höheren Vorleistungskosten im verarbeitenden Gewerbe niederschlagen. Sie werden teilweise durch einen nachlassenden Arbeitskostendruck, die zurückliegende Aufwertung des Euro und die Importdurchdringung aus China gedämpft. Im Jahr 2028 dürfte sich sowohl die Inflation bei den Industrieerzeugnissen ohne Energie als auch bei den Dienstleistungen abschwächen, wobei die indirekten Effekte nachlassen und über die Löhne nur begrenzte Zweitrundeneffekte entstehen. Die HVPIX-Inflation wird den Projektionen zufolge im Jahr 2028 auf 2,2 % zurückgehen. Die Teuerung bei den Dienstleistungen dürfte sich auf 2,8 % und bei den Industrieerzeugnissen ohne Energie auf 1,1 % belaufen. Die anfänglich abweichenden Inflationsverläufe bei Dienstleistungen und Industrieerzeugnissen ohne Energie lassen sich zum Teil dadurch erklären, dass der Energieschock in den beiden Sektoren zu unterschiedlichen Zeitpunkten und in unterschiedlichem Ausmaß durchwirkt. Energieschocks wirken sich in der Regel schneller und stärker, wenn auch weniger anhaltend auf die Inflation der Industrieerzeugnisse ohne Energie aus, bei der zudem die Importpreise eine höhere Rolle spielen.[14]

Abbildung 9

HVPIX-Inflation im Euroraum

(Veränderung gegenüber Vorjahr in %)

Anmerkung: Die vertikale Linie markiert den Beginn des aktuellen Projektionszeitraums. Die gestrichelten Linien beziehen sich auf die Projektionen vom März 2026. Die horizontalen gepunkteten Linien beziehen sich auf die durchschnittlichen Raten vom ersten Quartal 2001 bis zum ersten Quartal 2026.

Im Vergleich zu den Projektionen vom März 2026 wurde die HVPI-Gesamtinflation für 2026 um 0,4 Prozentpunkte und für 2027 um 0,3 Prozentpunkte nach oben revidiert. Für 2028 wurde sie um 0,1 Prozentpunkte nach unten angepasst (siehe Abbildung 10, Grafik a). Die Aufwärtsrevisionen der Gesamtinflation ergeben sich aus Revisionen aller Komponenten und konzentrieren sich auf das zweite Halbjahr 2026 und das erste Halbjahr 2027. Das höhere Inflationsprofil entspricht dem jüngsten unerwartet hohen Anstieg bei unverarbeiteten Nahrungsmitteln und HVPIX, höheren Annahmen zu den Preisen für Energie und Nahrungsmittelrohstoffe und den erwarteten stärkeren Auswirkungen des Krieges im Nahen Osten auf die Komponenten ohne Energie. Die Abwärtsrevision der Gesamtinflation für 2028 steht im Einklang damit, dass für die Ölpreise ein etwas stärkerer Rückgang angenommen wird als in den März-Projektionen. Das über den Projektionszeitraum hinweg höhere HVPIX-Profil spiegelt sowohl bei den Dienstleistungen als auch bei den Industrieerzeugnissen ohne Energie eine höhere Teuerung in den Jahren 2026 und 2027 wider, wobei die Komponente Industrieerzeugnisse ohne Energie zu Aufwärtsrevisionen in den Jahren 2027-2028 führt (siehe Tabelle 3). Während ein Großteil des Energieschocks bereits in den März-Projektionen berücksichtigt wurde, vermitteln die Revisionen gegenüber den Projektionen vor dem Konflikt ein vollständigeres Bild der Kriegsauswirkungen. Gegenüber den Projektionen vom Dezember 2025 wurde die Gesamtinflation für 2026 und 2027 deutlich nach oben revidiert (um 1,1 Prozentpunkte bzw. 0,5 Prozentpunkte). Grund hierfür sind die unmittelbaren Auswirkungen auf die Teuerung bei Energie und deren verzögertes Durchwirken auf die Komponenten ohne Energie. Für 2028 bleibt die Gesamtinflation jedoch unverändert, da ein direkter Abwärtsdruck der Energiekomponente den indirekten Aufwärtsdruck, der von der Teuerung ohne Energie ausgeht, weitgehend ausgleicht (siehe Abbildung 10, Grafik b). Die HVPI-Inflationsrate für Energie wurde gegenüber den Projektionen vom Dezember 2025 um 5,8 Prozentpunkte nach oben revidiert (kumuliert für den Zeitraum 2026 bis 2028), während die HVPI-Inflation ohne Energie um 1,1 Prozentpunkte nach oben revidiert wurde. Die letztgenannte Revision bezieht sich hauptsächlich auf indirekte Auswirkungen und in geringerem Maße auch auf Zweitrundeneffekte des Energieschocks. Da diese Auswirkungen von den Standardprojektionsmodellen im Zusammenhang mit großen Energiepreisschocks unterschätzt werden könnten, wurden auf der Grundlage von Experteneinschätzungen einige begrenzte Aufwärtsrevisionen vorgenommen, um das stärkere Durchwirken höherer Energiepreise zu erfassen.

Abbildung 10

Revisionen der Inflationsprojektion

a) Vergleich mit den Projektionen der EZB-Fachleute vom März 2026

(in Prozentpunkten)


b) Vergleich mit den Projektionen der EZB-Fachleute vom Dezember 2025

(in Prozentpunkten)

Anmerkung: Die Revisionen wurden auf Basis nicht gerundeter Zahlen berechnet.

Das Nominallohnwachstum dürfte sich 2026 weiter abschwächen, bevor es 2027 leicht ansteigt und sich in der zweiten Hälfte des Projektionszeitraums stabilisiert. Das Wachstum des Arbeitnehmerentgelts je Arbeitnehmer verringerte sich im vierten Quartal 2025, weitgehend im Einklang mit den März-Projektionen. Im Jahresverlauf 2026 dürfte es weiter zurückgehen, was auf die schwache kurzfristige Wachstumsdynamik, das geringe Vertrauen und die hohe Unsicherheit zurückzuführen ist, die auch die Erwartung eines verlangsamten Tariflohnwachstums stützen. Das Wachstum des Arbeitnehmerentgelts je Arbeitnehmer dürfte von 3,9 % im Jahr 2025 auf 3,2 % im Jahr 2026 zurückgehen und 2027 und 2028 angesichts der der stabileren Wirtschaftslage auf diesem Niveau bleiben (siehe Abbildung 11, Grafik a). Das Reallohnwachstum wird den Projektionen zufolge 2026 zurückgehen und sich in der zweiten Jahreshälfte ins Negative kehren, bevor es sich 2028 allmählich dem Produktivitätswachstum annähert (siehe Abbildung 11, Grafik b). Im Vergleich zu den Projektionen vom März 2026 wurde das Wachstum des Arbeitnehmerentgelts je Arbeitnehmer für 2026 nach unten korrigiert. Dies steht im Einklang mit den Anzeichen für einen nachlassenden Lohndruck, die sich aus den jüngsten Daten und Tarifabschlüssen ergeben. Für das Jahr 2028 wurde dieses Wachstum leicht nach oben korrigiert. Der aktuelle Energieschock dürfte nur einen begrenzten Aufwärtsdruck auf das Lohnwachstum ausüben, da die schwächeren Nachfragebedingungen und der im Vergleich zum Zeitraum 2021-2024 weniger breit wirkende Schock dazu beitragen, Zweitrundeneffekte einzudämmen.

Abbildung 11

Lohnentwicklungen im Euroraum

a) Arbeitnehmerentgelt je Arbeitnehmer

(Veränderung gegenüber Vorjahr in %)


b) Reales Arbeitnehmerentgelt je Arbeitnehmer, Produktivität und Lohnstückkosten

(Veränderung gegenüber Vorjahr in %)

Anmerkung: Die vertikale Linie markiert den Beginn des aktuellen Projektionszeitraums. In Grafik b) sind die Zahlen mit dem Deflator der privaten Konsumausgaben deflationiert.

Das Wachstum der Lohnstückkosten wird sich den Projektionen zufolge im Projektionszeitraum allmählich abschwächen (siehe Abbildung 11, Grafik b). Die Abschwächung im Jahresverlauf 2026 ist sowohl auf ein rückläufiges Lohnwachstum als auch auf ein steigendes Produktivitätswachstum zurückzuführen, während die mittelfristige Entwicklung vom Produktivitätswachstum ausgehen dürfte. Das Wachstum des BIP-Deflators dürfte aufgrund einer geringeren Steigerung der Lohnstückkosten, die teilweise durch einen höheren Beitrag der Stückgewinne ausgeglichen wird, ebenfalls zurückgehen.

Es wird erwartet, dass die Importpreise auf kurze Sicht kräftig steigen, bevor sie in der zweiten Hälfte des Projektionszeitraums zurückgehen. Die Jahreswachstumsrate des Importdeflators wird den Projektionen zufolge von 0,0 % im Jahr 2025 auf 3,7 % im Jahr 2026 steigen. Grund hierfür ist ein höherer Preisdruck bei Energierohstoffen, der jedoch durch die zurückliegende Aufwertung des Euro und günstige Einfuhren aus China gedämpft wird. Danach wird das Wachstum der Einfuhrpreise den Projektionen zufolge im Jahr 2028 auf 1,3 % zurückgehen, was auf eine erwartete Normalisierung der Weltlage zurückzuführen ist.

Tabelle 3

Preis- und Kostenentwicklung für den Euroraum

(Veränderung gegenüber Vorjahr in %, Revisionen in Prozentpunkten)

 

Juni 2026

Revisionen gegenüber März 2026

2025

2026

2027

2028

2026

2027

2028

HVPI

2,1

3,0

2,3

2,0

0,4

0,3

-0,1

HVPI ohne EHS 21)

2,1

3,0

2,3

1,9

0,4

0,3

0,0

HVPI ohne Energie

2,5

2,5

2,7

2,2

0,2

0,3

0,0

HVPI ohne Energie und Nahrungsmittel

2,4

2,5

2,5

2,2

0,2

0,3

0,1

HVPI ohne Energie, Nahrungsmittel und Änderungen indirekter Steuern

2,4

2,4

2,5

2,2

0,2

0,3

0,1

HVPI für Industrieerzeugnisse ohne Energie

0,6

0,9

1,5

1,1

0,2

0,6

0,2

HVPI für Dienstleistungen

3,4

3,3

3,0

2,8

0,2

0,1

0,0

HVPI für Energie

-1,4

8,4

-1,3

-0,1

2,2

0,7

-0,8

HVPI für Nahrungsmittel

2,8

2,6

3,5

2,4

0,2

0,6

0,1

BIP-Deflator

2,5

2,4

2,5

2,1

0,0

0,2

-0,1

Deflator der privaten Konsumausgaben

2,0

3,0

2,4

2,1

0,2

0,4

0,0

Importdeflator

0,0

3,7

2,1

1,3

-0,6

0,7

0,4

Arbeitnehmerentgelt je Arbeitnehmer

3,9

3,2

3,2

3,2

-0,2

0,0

0,1

Reales Arbeitnehmerentgelt je Arbeitnehmer

1,8

0,1

0,8

1,0

-0,5

-0,4

0,0

Produktivität je Arbeitnehmer

0,7

0,4

0,8

1,0

0,0

-0,1

0,0

Lohnstückkosten

3,1

2,8

2,4

2,2

-0,2

0,1

0,1

Stückgewinne2)

1,1

1,6

2,3

2,3

0,5

0,0

-0,1

Anmerkung: Die Revisionen wurden auf Basis von auf eine Dezimalstelle gerundeten Zahlen berechnet. Die Zahlen für den BIP- und den Importdeflator, die Lohnstückkosten, das Arbeitnehmerentgelt je Arbeitnehmer und die Arbeitsproduktivität je Arbeitnehmer beziehen sich auf saison- und arbeitstäglich bereinigte Daten. Aufgrund von Daten, die erst nach dem Redaktionsschluss der vorliegenden Projektionen veröffentlicht wurden, können historische Daten von den jüngsten Eurostat-Veröffentlichungen abweichen.
1) Zum Einfluss des EHS 2 auf die HVPI-Inflationsrate im Jahr 2028 siehe Fußnote 13.
2) Die Stückgewinne sind definiert als Bruttobetriebsüberschuss und Selbständigeneinkommen (bereinigt um das Arbeitseinkommen der Selbstständigen) je Einheit des realen BIP.

Kasten 3
Haushaltsaussichten

Nach einer leichten Straffung um 0,1 Prozentpunkte des BIP im Jahr 2025 dürfte der finanzpolitische Kurs im Euroraum 2026 um 0,5 Prozentpunkte gelockert und in den Jahren 2027 und 2028 wieder etwas gestrafft werden (siehe Tabelle A).[15] Die Straffung im Jahr 2025 war in erster Linie auf diskretionäre Erhöhungen der Sozialversicherungsbeiträge und anderer Steuern zurückzuführen, die teilweise durch zusätzliche Ausgaben, insbesondere für staatliche Investitionen und Konsumausgaben, ausgeglichen wurden. Die Lockerung auf der Ausgabenseite dürfte sich 2026 fortsetzen, vor allem aufgrund staatlicher Investitionen und Fiskaltransfers. Der Anstieg der Investitionen spiegelt in erster Linie hohe Verteidigungs- und Infrastrukturausgaben in Deutschland sowie einigen kleineren Ländern und bis zu einem gewissen Grad auch Investitionen wider, die über Projekte im Rahmen von „Next Generation EU“ (NGEU) finanziert werden. Die für 2027 und 2028 erwartete Straffung des finanzpolitischen Kurses ist in erster Linie auf nichtdiskretionäre Faktoren zurückzuführen. In Bezug auf die diskretionären Maßnahmen dürfte die erwartete Straffung in vielen Ländern, darunter Italien, Frankreich und Spanien (unter anderem nach dem Auslaufen der meisten NGEU-Finanzierungen), weitgehend durch fiskalische Impulse ausgeglichen werden, vor allem in Deutschland.[16]

Im Vergleich zu den März-Projektionen dürfte der finanzpolitische Kurs 2026 etwas gelockert und 2027 entsprechend restriktiver ausfallen, während er 2028 unverändert bleiben dürfte. Im Jahr 2025 war eine weitere leichte Straffung vor allem auf die Konsumausgaben des Staates zurückzuführen (die in Frankreich unerwartet gering ausfielen), während die staatlichen Investitionen etwas höher ausfielen als in den März-Projektionen geschätzt. Die im Vergleich zu den März-Projektionen stärkere Lockerung im Jahr 2026 und die damit einhergehende Umkehr (weitere Straffung) im Jahr 2027 dürften in erster Linie auf die neuen befristeten Entlastungsmaßnahmen im Energiebereich zurückzuführen sein, die die Regierungen seit Beginn des Krieges im Nahen Osten ergriffen haben (rund 0,1 % des BIP), sowie auf die Konsumausgaben des Staates.

Das Haushaltsdefizit und die Schuldenquoten im Euroraum werden den Projektionen zufolge wachsen, wobei das Defizit 2027 seinen Höchststand deutlich über der 3 %-Schwelle erreichen und die Verschuldung im Jahr 2028 auf 90 % des BIP steigen wird. Nachdem das Haushaltsdefizit im Euroraum 2025 mit 2,9 % des BIP etwas niedriger ausgefallen war als erwartet, wird es den Projektionen zufolge im Jahr 2026 drastisch auf 3,6 % des BIP ansteigen und 2027 mit 3,7 % einen Höchststand erreichen. Der Anstieg des Defizits über den Projektionszeitraum hinweg ist größtenteils auf einen stetigen Anstieg der Zinszahlungen (um rund 0,5 Prozentpunkte des BIP) zurückzuführen. Darüber hinaus spiegelt der stärkere Anstieg des Defizits im Jahr 2026 die oben beschriebene Lockerung des finanzpolitischen Kurses und eine leichte Verschlechterung der Konjunkturkomponente wider. Letztere dürfte sich 2027 fortsetzen und zu einem höheren Defizit beitragen, sich aber 2028 umkehren und zusammen mit der projizierten Straffung der Finanzpolitik zu einer leichten Verbesserung der Haushaltslage führen. Die Schuldenquote im Euroraum steigt, da die anhaltenden Primärdefizite und positiven Deficit-Debt-Adjustments die günstigen, jedoch abnehmenden Auswirkungen der Zins-Wachstums-Differenzen zu überwiegen scheinen. Verglichen mit den Projektionen vom März wird davon ausgegangen, dass das Defizit nach geringfügigen Schwankungen in den Jahren 2025 bis 2026 in späteren Jahren unverändert bleibt, während die Schuldenquote aufgrund ungünstigerer Zins-Wachstums-Differenzen und Deficit-Debt-Adjustments etwas nach oben korrigiert wurde.

Tabelle A

Finanzpolitische Aussichten für den Euroraum

(in Prozent des BIP, Revisionen in Prozentpunkten)

 

Juni 2026

Revisionen gegenüber März 2026

2024

2025

2026

2027

2028

2025

2026

2027

2028

Finanzpolitische Ausrichtung1)

0,9

0,1

-0,5

0,4

0,2

0,1

-0,2

0,2

0,0

Öffentlicher Finanzierungssaldo

-3,0

-2,9

-3,6

-3,7

-3,6

0,1

-0,2

0,0

0,0

Struktureller Haushaltssaldo2)

-3,0

-3,0

-3,6

-3,7

-3,7

0,1

-0,1

0,0

0,0

Bruttoverschuldung der öffentlichen Haushalte

86,6

87,4

88,7

89,4

90,0

-0,1

0,3

0,4

0,5

Anmerkung: Die Revisionen basieren auf nicht gerundeten Zahlen.
1) Der finanzpolitische Kurs wird als Veränderung des konjunkturbereinigten Primärsaldos bemessen. Die ausgewiesenen Zahlen tragen auch der Tatsache Rechnung, dass die Einnahmen aus Zuschüssen aus dem Programm „Next Generation EU“ (NGEU) nicht aus der Binnenwirtschaft abgezogen werden. Eine negative (positive) Zahl impliziert eine Lockerung (Straffung) der finanzpolitischen Ausrichtung.
2) Der strukturelle Haushaltssaldo wird als öffentlicher Finanzierungssaldo berechnet, bereinigt um vorübergehende Effekte des Konjunkturzyklus (bzw. den oben genannten konjunkturbereinigten Primärsaldo zzgl. Zinsen) und um Maßnahmen, die laut Definition des Europäischen Systems der Zentralbanken als befristet einzustufen sind.

3 Alternative Szenarien für die wirtschaftlichen Auswirkungen des Nahost-Konflikts

Die größten Unsicherheiten, mit denen die Projektionen vom Juni 2026 behaftet sind, hängen mit dem derzeitigen Krieg im Nahen Osten und dessen Auswirkungen auf Energiepreise und Unsicherheit sowie mit der Übertragung auf die Wirtschaft zusammen.[17] Um diese Unsicherheiten zu veranschaulichen, werden die Projektionen – wie die Projektionen vom März 2026 – durch eine Reihe alternativer Szenarien ergänzt. Diese liefern anschauliche Beispiele für divergierende Entwicklungen der Energierohstoffpreise und deren Übertragung auf die Wirtschaft des Euroraums. Den Szenarien werden keine Wahrscheinlichkeiten zugeordnet; vielmehr dienen sie dazu, die wesentlichen Unsicherheiten hinsichtlich der Auswirkungen des Konflikts aufzuzeigen. Während das Basisszenario die in den technischen Annahmen enthaltenen Preisentwicklungen für Energierohstoffe berücksichtigt (siehe Kasten 2), unterscheiden sich die alternativen Szenarien in drei wesentlichen Punkten: Ausmaß des Energieschocks, Grad der Unsicherheit und Stärke der Transmission des Energieschocks auf die Preise ohne Energie (siehe Tabelle 4). Was die Transmission betrifft, so können Nichtlinearitäten und Zweitrundeneffekte im Zusammenhang mit großen Schocks eine Rolle spielen. Dies war eine wichtige Lehre aus der Beurteilung der geldpolitischen Strategie 2025 durch die EZB (siehe Kasten 4). In Sensitivitätsanalysen für das schwerwiegende Szenario werden die Auswirkungen zweier derzeit sehr verbreiteter Risiken untersucht, nämlich der Rationierung der Energieversorgung und des Mangels an Kerosin. Wie bei den Szenarioanalysen in den Projektionen der Fachleute üblich, wird unterstellt, dass die Geld- und Finanzpolitik im Euroraum mit derjenigen des Basisszenarios übereinstimmt.[18] Die Projektionen für die kurz- und langfristigen Zinssätze basieren auf den Markterwartungen.

Tabelle 4

Darstellung des Basisszenarios und alternativer Szenarien zum Konflikt im Nahen Osten

Szenario

Preise für Energierohstoffe

Unsicherheit

Indirekte Auswirkungen und Zweitrundeneffekte auf die Inflation

Finanz- und geldpolitische Reaktion im Euroraum

Basisszenario

Die Preise für Energierohstoffe folgen den technischen Annahmen 1

Im Einklang mit dem in den Wochen nach Ausbruch des Konflikts beobachteten Anstieg des Volatilitätsindex VIX, bevor dieser bis zum 21. Mai 2026 wieder zurückging

Begrenzte, auf Experteneinschätzungen beruhende Aufwärtsanpassung zur Berücksichtigung von Auswirkungen, die wegen des Ausmaßes des Energiepreisschocks im Vergleich zur Standardmodellelastizität größer ausfallen

Die kurzfristigen Zinssätze folgen den technischen Annahmen 1. Es werden nur finanzpolitische Maßnahmen berücksichtigt, die gesetzlich verabschiedet oder angekündigt wurden und genau spezifiziert sind

Milderes Szenario

Die Preise für Energierohstoffe folgen dem 25. Perzentil der marktbasierten Wahrscheinlichkeits-verteilungen 1

Unverändert gegenüber dem Basisszenario

Unverändert gegenüber dem Basisszenario

Keine über die im Basisszenario enthaltenen Maßnahmen hinaus

Adverses Szenario

Die Preise für Energierohstoffe folgen dem 75. Perzentil der marktbasierten Wahrscheinlichkeits-verteilungen 1

Anstieg des VIX-Index um etwa 10 Punkte mit einer raschen Rückkehr Ende 2026 auf das Niveau des 4. Quartals 2025

Stärkere Kalibrierung als im Basisszenario basierend auf Inflationsdynamiken der Jahre 2021-2024 und Satellitenmodellen (siehe Kasten 4)

Keine über die im Basisszenario enthaltenen Maßnahmen hinaus

Schwerwiegendes Szenario

Die Preise für Energierohstoffe folgen dem 95. Perzentil der marktbasierten Wahrscheinlichkeitsverteilungen 1

Anstieg des VIX-Index um etwa 14 Punkte, gefolgt von einer im Vergleich zum adversen Szenario deutlich erhöhten Unsicherheit, die bis Ende 2027 anhält

Stärkere Kalibrierung als im adversen Szenario basierend auf Inflationsdynamiken der Jahre 2021-2024 und Satellitenmodellen (siehe Kasten 4)

Keine über die im Basisszenario enthaltenen Maßnahmen hinaus

1) Redaktionsschluss für technische Annahmen und marktbasierte Wahrscheinlichkeitsverteilungen ist der 21. Mai 2026.

3.1 Wesentliche Annahmen, die den alternativen Szenarien zugrunde liegen

3.1.1 Preise für Energierohstoffe

In den alternativen Szenarien werden aus optionsbasierten Dichten abgeleitete Verteilungen verwendet, um divergierende Entwicklungen der Öl- und Gasgroßhandelspreise zu bestimmen. Es wird angenommen, dass die Öl- und Gaspreise ab dem dritten Quartal 2026 im milderen Szenario dem 25. Perzentil der marktbasierten Verteilungen, im adversen Szenario dem 75. Perzentil und im schwerwiegenden Szenario dem 95. Perzentil folgen (siehe Abbildung 12).[19] Diese Perzentile entsprechen einer marktbasierten Bewertung der aktuellen Risiken im Zusammenhang mit den Energiepreisen und decken implizit alternative Entwicklungen des Krieges im Nahen Osten und dessen Auswirkungen in Form von Unterbrechungen der Energieversorgung ab.

  • Im milderen Szenario sinkt der Ölpreis im dritten Quartal 2026 auf 88 USD je Barrel und der Gaspreis auf 41 € je MWh und die Preise liegen über den gesamten Projektionszeitraum hinweg rund 15-20 % unter dem Niveau des Basisszenarios. Diese projizierte Entwicklung dürfte die Erwartungen der Anleger widerspiegeln, dass der Konflikt zügig gelöst werden könnte, was zu einer raschen Normalisierung der globalen Öl- und Gasmärkte und bis Ende 2026 zu einer Rückkehr der Preise auf ihr Vorkriegsniveau führen würde.
  • Im adversen Szenario steigen die Ölpreise im dritten Quartal auf 122 USD je Barrel und die Gaspreise auf 60 € je MWh und bleiben über den gesamten Projektionszeitraum hinweg rund 20-30 % über dem Niveau des Basisszenarios, was auf Markterwartungen zurückzuführen sein dürfte, dass der Konflikt länger anhält als im Basisszenario angenommen.
  • Im schwerwiegenden Szenario steigen die Ölpreise im Vergleich zum Basisszenario um rund 60 % und die Gaspreise verdoppeln sich. Sie erreichen damit im dritten Quartal 166 USD je Barrel bzw. 98 € je MWh. Auch die Schocks halten sehr lange an, sodass die Abweichungen vom Basisszenario am Ende des Projektionszeitraums immer noch ähnlich groß sind. Diese Persistenz spiegelt zum Teil eine größere Unsicherheit bei den längeren Zeithorizonten wider, die zu einer Ausweitung der optionsbasierten Dichten führt. Sie könnte auch die Markterwartungen eines anhaltenden Konflikts in Verbindung mit erheblichen Schäden an der regionalen Öl- und Gasförderinfrastruktur widerspiegeln, wodurch die Energiepreise über einen längeren Zeitraum auf einem erhöhten Niveau verharren.

Abbildung 12

Annahmen für die Entwicklung der Preise für Öl und europäisches Erdgas

a) Ölpreise

b) Gaspreise

(USD je Barrel)

(EUR je MWh)

Quellen: Refinitiv und Berechnungen von EZB-Fachleuten.
Anmerkung: Redaktionsschluss für diese Annahmen war der 21. Mai 2026.

Tabelle 5

Szenarien für Energierohstoffpreise – Niveau und Abweichungen vom Basisszenario

Szenario

Q3 2026 (USD je Barrel oder EUR je MWh)

Q3 2026 (Abweichung vom Basisszenario
in %)

Q4 2028 (USD je Barrel oder EUR je MWh)

Q4 2028 (Abweichung vom Basisszenario
in %)

Milder

Ölpreis

88

-15 %

64

-16 %

Gaspreis

41

-16 %

20

-22 %

Advers

Ölpreis

122

19 %

90

19 %

Gaspreis

60

25 %

34

31 %

Schwerwiegend

Ölpreis

166

62 %

124

63 %

Gaspreis

98

104 %

55

109 %

Quelle: EZB und Berechnungen von EZB-Fachleuten.

3.1.2 Unsicherheit und ihre Transmission auf die Finanzierungsbedingungen

Das adverse und das schwerwiegende Szenario gehen davon aus, dass eine Eskalation des Krieges im Nahen Osten die globale Unsicherheit erhöhen und – wenn auch in unterschiedlichem Maße – eine Neubewertung an den Finanzmärkten auslösen würde, was die privaten Konsumausgaben, die Investitionen und den Handel belasten würde. Als Näherungswert für die globale Unsicherheit wird in den Szenarien der VIX-Index verwendet. Im adversen Szenario wird ein vorübergehender sprunghafter Anstieg angenommen, und im schwerwiegenden Szenario wird von einem höheren und länger anhaltenden Anstieg ausgegangen. Diese Annahmen stehen weitgehend im Einklang mit Phasen vergleichbarer geopolitischer Spannungen, die in der Vergangenheit beobachtet wurden, unter anderem während des Krieges Russlands gegen die Ukraine und des Konflikts im Nahen Osten im Oktober 2023 (Abbildung 13, Grafik a). Insgesamt wirkt sich die Unsicherheit in den Szenarien auf zweierlei Weise auf die Wirtschaft aus: direkt über den Einfluss auf das reale BIP in Form von Vertrauensschocks und indirekt durch Transmission auf die Finanzierungsbedingungen.

Abbildung 13

Annahmen über den VIX-Index und Auswirkungen auf ausgewählte finanzielle Variablen

a) Volatilitätsindex VIX

(Index)


b) Spreads von Unternehmensanleihen und Unternehmenskrediten im adversen und im schwerwiegenden Szenario

(Abweichung vom Basisszenario in Basispunkten)

Quellen: EZB, CBOE Global Markets und Berechnungen von Fachleuten der EZB.
Anmerkung: In Grafik a) bezieht sich das Basisszenario auf einen unbedingten Prognosepfad aus einem bayesianischen Vektorautoregressionsmodell (BVAR-Modell) und entspricht nicht den Annahmen, die den Basisprojektionen in Bezug auf Unsicherheitseffekte zugrunde liegen. Das Modell umfasst den Volatilitätsindex VIX, das BIP des Euroraums, die privaten Konsumausgaben, die Unternehmensinvestitionen, die HVPI-Inflation und kurzfristige Zinssätze. Der VIX-Index wird als Messgröße der Unsicherheit verwendet, da er als direkter Input in das Finanzmodell in Grafik b) einfließt. In Grafik b stellen die Finanzvariablen das Ergebnis einer Prognose dar, bei der ein auf die Entwicklungen des VIX-Index im Szenario konditioniertes Markov-Switching-BVAR-Modell mit gemischten Frequenzen (tägliche und monatliche Daten) verwendet wird. Das Modell umfasst den VIX-Index, Aktien von Banken und Unternehmen, die Spreads von Bankanleihen, die Kreditspreads von sowohl privaten Haushalten als auch Unternehmen sowie die kurz- und langfristigen Marktzinsen aus den Projektionen. Die jüngsten Angaben zum Volatilitätsindex VIX beziehen sich auf den 21. Mai 2026.

Im adversen Szenario sind die Auswirkungen der vorübergehend gestiegenen Unsicherheit auf die marktbasierten Fremdfinanzierungskosten von Unternehmen des Euroraums kurzlebig und die Kreditbepreisung reagiert relativ verhalten. Im schwerwiegenden Szenario sind die Auswirkungen angesichts der angenommenen länger anhaltenden Volatilität dagegen stärker ausgeprägt (Abbildung 13, Grafik b).[20] Im adversen Szenario erhöhen sich die Renditeabstände von Unternehmensanleihen über ein Quartal um rund 40 Basispunkte, verringern sich aber rasch wieder, da das Modell von einer schnellen Rückkehr zu einem niedrigen Volatilitätszustand ausgeht. Im schwerwiegenden Szenario bleiben die Spreads bis 2027 deutlich über dem Basisszenario und gehen erst gegen Ende des Projektionszeitraums zurück, wenn der VIX-Index einer niedrigen Volatilität entspricht. Die Kreditspreads (oberhalb des risikofreien Zinssatzes) weisen im adversen Szenario einen begrenzten und allmählichen Anstieg auf, da die Banken in der Lage wären, die Auswirkungen der vorübergehend höheren finanziellen Unsicherheit abzufedern. Im schwerwiegenden Szenario ist der Anstieg ausgeprägter und länger anhaltend. Im adversen Szenario sinken die Bewertungen von Unternehmensaktien im dritten und vierten Quartal 2026 um durchschnittlich rund 7 Prozentpunkte und erholen sich dann im Jahr 2027 fast vollständig, während sie im schwerwiegenden Szenario während des gesamten Jahres 2027 um mehr als 10 % unter dem Basisszenario bleiben.

3.2 Gesamtwirtschaftliche Auswirkungen

3.2.1 Außenwirtschaftliches Umfeld

Da die direkten Handelsbeziehungen mit der vom Konflikt betroffenen Region relativ begrenzt sind, dürfte die Übertragung des Schocks auf die Weltwirtschaft in erster Linie über eine erhöhte Unsicherheit sowie über direkte und indirekte Auswirkungen höherer Energie- und Nahrungsmittelpreise erfolgen (siehe Abbildung 14). Die erhöhte Unsicherheit dürfte zu einem Sinken der globalen Vermögenspreise, einer Verschärfung der globalen Finanzierungsbedingungen und einem Rückgang der globalen Ausgaben und des Welthandels führen. Höhere Öl- und Gaspreise erhöhen die Importkosten, reduzieren die Realeinkommen und belasten vor allem die energieimportierenden Volkswirtschaften. Steigende Energiekosten treiben auch die Nahrungsmittelpreise in die Höhe, was die Inflation antreibt und die weltweite Nachfrage weiter dämpft.[21]

Im adversen Szenario ist die Weltwirtschaft einem moderaten, aber anhaltenden negativen Angebotsschock ausgesetzt. Das Zusammenwirken der Übertragungskanäle Unsicherheit, Energie und Nahrungsmittel erzeugt einen Abwärtsdruck auf die Wirtschaftstätigkeit und einen Aufwärtsdruck auf die Inflation. Das Vertrauen schwindet, der Importkostendruck steigt und die Realeinkommen sinken. In den Vereinigten Staaten wird das BIP-Wachstum im Jahr 2027 den Projektionen zufolge etwa 0,1 Prozentpunkte unter dem Basisszenario, die Inflation hingegen auf ihrem Höchststand etwa 0,6 Prozentpunkte über dem Basisszenario liegen. In der Weltwirtschaft ohne Euroraum dürfte das BIP-Wachstum im Jahr 2027 etwa 0,2 Prozentpunkte unter dem Basisszenario, die Inflation hingegen auf ihrem Höchststand etwa 0,9 Prozentpunkte über dem Basisszenario liegen. Für den Euroraum wird erwartet, dass der nominale effektive Wechselkurs leicht sinken wird und sich anschließend normalisiert. Die Auslandsnachfrage dürfte bis 2028 um etwa 0,9 % unter dem Basisszenario liegen.

Abbildung 14

Auswirkungen auf die Vereinigten Staaten und die Weltwirtschaft ohne Euroraum

a) Vereinigte Staaten

(Abweichung vom Wachstum im Basisszenario in Prozentpunkten)


b) Weltwirtschaft ohne Euroraum

(Abweichung vom Wachstum im Basisszenario in Prozentpunkten)

Quellen: EZB-Berechnungen auf Basis von Simulationen des ECB-GLOBAL-Modells.
Anmerkung: Die Simulationen werden im Rahmen eines Forecast-Settings unter Verwendung des ECB-GLOBAL-Modells durchgeführt, in dem die Geldpolitik im Euroraum exogen ist.

Im schwerwiegenden Szenario ist der negative Angebotsschock weitaus größer und seine Auswirkungen halten länger an. Der größere und länger anhaltende Energieschock erzeugt einen stärkeren Inflationsimpuls, die Unsicherheit nimmt stärker zu, und größere Auswirkungen mit Bezug auf die Nahrungsmittel lassen die Kaufkraft in allen Volkswirtschaften weiter schwinden. In den Vereinigten Staaten dürfte das BIP-Wachstum im Jahr 2027 etwa 0,5 Prozentpunkte unterhalb des Basisszenarios, die Inflation hingegen auf ihrem Höchststand etwa 1,7 Prozentpunkte oberhalb des Basisszenarios liegen. In der Weltwirtschaft ohne Euroraum dürfte das BIP-Wachstum im Jahr 2027 etwa 1 Prozentpunkt unter dem Basisszenario, die Inflation hingegen auf ihrem Höchststand etwa 2,6 Prozentpunkte über dem Basisszenario liegen. Für den Euroraum wird erwartet, dass der nominale effektive Wechselkurs zunächst nachgeben wird und sich anschließend normalisiert. Die Auslandsnachfrage dürfte bis 2028 etwa 3 % unter dem Basisszenario liegen.

Im milderen Szenario lassen diese negativen Übertragungseffekte rascher nach, wobei das Wachstum höher und die Inflation niedriger ausfällt als in der globalen Basisprojektion. Da die Energiepreise schneller wieder sinken, lässt der Inflationsimpuls rascher nach, die Unsicherheit nimmt ab, die Finanzierungsbedingungen normalisieren sich und die Auslandsnachfrage ist stärker. Im Ergebnis nimmt der Welthandel einen besseren Verlauf und der Euroraum profitiert von einem günstigeren außenwirtschaftlichen Umfeld als im Basisszenario.

Kasten 4
Kalibrierung von indirekten Auswirkungen und Zweitrundeneffekten auf die Inflation (ohne Energie) des Euroraums in den alternativen Szenarien

Antoine Kornprobst und Srečko Zimic

Die Inflationsphase von 2021 bis 2024 im Euroraum hat gezeigt, dass die Transmission großer Energiepreisschocks erheblich stärker ausfallen kann, als die in den Standard-Projektionsmodellen enthaltenen historischen Muster vermuten lassen. Prognoseauswertungen mit dem ECB-BASE-Modell deuten darauf hin, dass die Standardparameter von Projektionsmodellen, die auf Schätzungen über einen langen Beobachtungszeitraum basieren, ein wesentlich geringeres Durchwirken von Energieschocks auf die Verbraucherpreise anzeigen, als in den Jahren 2021 bis 2024 zu beobachten war.[22] Schaubild A zeigt, dass alternative (nichtlineare) empirische Rahmen auf eine weitaus stärkere Transmission von Energieschocks schließen lassen als herkömmliche Modellkalibrierungen. Die Elastizitäten der Projektionsmodelle des Eurosystems deuten auf eine nichtlineare Anpassung in Abhängigkeit vom Ölpreisniveau hin. Ein geschätztes nichtlineares Panelmodell legt nahe, dass das Durchwirken der Energiepreise auf die Inflation deutlich verstärkt wird, wenn Schocks in einem von angespannten Arbeitsmärkten, erhöhter Inflation und großen Schocks geprägten Umfeld auftreten. Die Ergebnisse eines bayesianischen Vektorautoregressionsmodells (BVAR) für die Inflation deuten auf ein ähnlich starkes Durchwirken der Energiepreise auf die Verbraucherpreise hin. Ein Modell des maschinellen Lernens, das flexibel Nichtlinearitäten zulässt, lässt auf noch stärkere Auswirkungen großer Inflationsschocks (etwa 1,5-mal so stark wie nach mittelgroßen Schocks) schließen.[23] Auch aus dem Bernanke-Blanchard-Modell, das speziell zur Analyse des Inflationsschubs 2021-2024 konzipiert wurde, ergibt sich eine weitaus stärkere Reaktion der Löhne, der Kerninflation und der Gesamtinflation als aus den regulären Elastizitäten des ECB-BASE-Modells. Nichtlineare Versionen struktureller Modelle, beispielsweise des Neuen Euroraum-Modells (NAWM II), deuten darauf hin, dass große Energieschocks über nichtlineare Phillips-Kurven und indirekte Produktionskostenkanäle zu asymmetrischen und zustandsabhängigen Preisreaktionen führen können.

Um diesen Ergebnissen Rechnung zu tragen, wird das ECB-BASE-Modell in den einzelnen Szenarien unterschiedlich kalibriert. So soll ein Teil der stärkeren indirekten Auswirkungen und Zweitrundeneffekte erfasst werden, die sich im adversen und im schwerwiegenden Szenario wahrscheinlich einstellen dürften (siehe Abbildung A). Das aktuelle Umfeld unterscheidet sich von der Inflationsphase 2021-2024: Die insgesamt schwächere Nachfrage, die weniger ausgeprägte Störung der Lieferketten, die geringere finanzpolitische Unterstützung und eine etwas weniger angespannte Lage am Arbeitsmarkt lassen vermuten, dass die Transmission schwächer ausfallen wird als damals. Allerdings könnten die Inflationserinnerung und der globalere Charakter des aktuellen Schocks das Durchwirken auch verstärken. Mit den Kalibrierungen soll daher ein plausibler Anstieg der Transmission gegenüber dem Standard-ECB-BASE-Modell abgebildet werden, der jedoch nicht das Ausmaß des Durchwirkens erreicht, das in der Phase 2021-2024 zu beobachten war. Da die Szenarioanalyse eher eine Bewertung der Risiken als die wahrscheinlichste Prognose liefern soll, ist es wichtig, die Möglichkeit von Nichtlinearitäten zu berücksichtigen. Daher beinhalten das adverse und das schwerwiegende Szenario ein stärkeres Durchwirken auf die HVPI-Inflation bei Energie und Nahrungsmitteln, eine stärkere Transmission der Energiepreise auf die Kerninflation (d. h. die Inflation ohne Energie und Nahrungsmittel), eine höhere Sensitivität der Inflationserwartungen gegenüber der tatsächlichen Inflation und eine stärkere Lohnindexierung.[24],[25] Im milderen Szenario werden dieselben indirekten Auswirkungen und Zweitrundeneffekte wie im Basisszenario angenommen (siehe Abschnitt 2.2).

Abbildung A

Durchwirken von Energieschocks auf die Verbraucherpreise insgesamt und auf die Verbraucherpreise ohne Energie und Nahrungsmittel in verschiedenen Modellen nach 12 Quartalen

Quellen: EZB-Berechnungen.
Anmerkungen: Die Balken stellen das durchschnittliche Durchwirken der Energierohstoffpreise auf die Verbraucherpreise dar. Dieses wird berechnet als die über zwölf Quartale gemittelte Impulsantwort des Verbraucherpreisniveaus. Als Maß für das erkennbare Durchwirken dient das Verhältnis der kumulierten Abweichungen des relevanten Preisindex von einer vierteljährlichen Zuwachsrate von 0,5 % zu den kumulierten Abweichungen eines synthetischen Index für Energierohstoffpreise (SECPI). Diese Abweichungen werden im Vergleich zum ersten Quartal 2020 berechnet. Der ausgewiesene Wert ergibt sich aus dem Durchschnitt der vierteljährlichen Verhältniszahlen im Zeitraum 2022-2024. Auf diese Weise wird der Zeithorizont mit den Modellsimulationen von 12 Quartalen in Einklang gebracht. Die Verwendung eines längeren Zeitraums würde die qualitativen Ergebnisse nicht verändern. Die Preisindizes werden mit einer Jahreswachstumsrate von 2 % trendbereinigt. Die Berechnungen des Durchwirkens basieren auf einer Reihe von Modellen, siehe: E. Angelini, N. Bokan, K. Christoffel, M. Ciccarelli und S. Zimic, Introducing ECB-BASE: The blueprint of the new ECB semi-structural model for the euro area, Working Paper Series der EZB, Nr. 2315, 2019; O. Arce, M. Ciccarelli, A. Kornprobst und C. Montes-Galdón, What caused the euro area post-pandemic inflation?, Occasional Paper Series der EZB, Nr. 343, 2024; E. Bobeica, S. Holton, F. Huber und C. Martínez Hernández, Beware of large shocks! A non-parametric structural inflation model, Working Paper Series der EZB, Nr. 3052, 2025; M. Bańbura, E. Bobeica und C. Martínez Hernández, What drives core inflation? The role of supply shocks, Working Paper Series der EZB, Nr. 2875, 2023, überarbeitet im März 2026; C. Martínez Hernández, „The granular transmission of energy shocks to inflation“, 2026, Mimeo; und G. Coenen, P. Karadi, S. Schmidt und A. Warne, The New Area-Wide Model II: an extended version of the ECB’s micro-founded model for forecasting and policy analysis, Working Paper Series der EZB, Nr. 2200, 2018. Bei den Kalibrierungen im adversen und im schwerwiegenden ECB-BASE-Szenario wird berücksichtigt, dass die Schocks in den Bereich vordringen, in dem Nichtlinearitäten quantitativ relevant werden und das Durchwirken durch die Prognosen des linearen Modells unterschätzt würde. Bei der Ex-post-Evaluierung der Prognosefähigkeit des Modells für den Zeitraum 2021-2024 wurden die Transmissionsmechanismen ermittelt, die den Fehlern zugrunde lagen: eine Unterschätzung des Durchwirkens der Energiepreise auf die HVPI-Indizes für Energie, Nahrungsmittel und Kerninflation sowie zu niedrig veranschlagte Inflationserwartungen in Verbindung mit einer schwachen nominalen Lohnindexierung. Die neuen Kalibrierungen bilden ein stärkeres Durchwirken auf die Gesamt- und die Kerninflation ab, indem Folgendes erhöht wird: 1) das Durchwirken der Großhandelspreise für Rohstoffe auf die Verbraucherpreise für Energie und Nahrungsmittel; 2) das Durchwirken auf die Preise für Industrieerzeugnisse (außer Energie) und die Preise für Dienstleistungen, wobei sich breit angelegte Preissteigerungen aus indirekten Auswirkungen der Energiepreise auf die Produktionskosten (Versorgungsunternehmen, Vorleistungsgüter und Transportleistungen) ergeben; 3) das Verhältnis, in dem die Inflationserwartungen als Reaktion auf die beobachtete Inflation steigen; 4) die Indexierung der Löhne an die zurückliegende Inflation der Verbraucherpreise. Die Kalibrierung des Durchwirkens wird mithilfe einer Reihe von Modellen gegengeprüft. Hierzu zählen die Elastizitäten aus dem Euroraum-Aggregat der Projektionsmodelle des Eurosystems, ein Panelmodell für die Kerninflation, das Bernanke-Blanchard-Modell, das BVAR-Modell für die Inflation und die nichtlineare Variante des NAWM-II-Modells. Bei den Elastizitäten aus den Projektionsmodellen des Eurosystems handelt es sich um standardisierte Elastizitäten wichtiger makroökonomischer Variablen gegenüber allgemeinen Schocks, die von allen Zentralbanken des Eurosystems für ihre Projektionen verwendet werden. Das Panelmodell ist ein nichtlineares Modell für das Durchwirken von Preiseffekten auf den HVPIX, das für neun Volkswirtschaften des Euroraums – Belgien, Deutschland, Spanien, Frankreich, Italien, die Niederlande, Österreich, Portugal und Finnland – über den Zeitraum vom ersten Quartal 2002 bis zum vierten Quartal 2025 geschätzt wird. „Niedrige Inflation“ bezeichnet Ausgangsbedingungen, bei denen die Inflation der nicht zur Kerninflation gehörenden Komponenten 0 % beträgt; „hohe Inflation“ bezeichnet Ausgangsbedingungen, bei denen dieser Wert 15 % beträgt. „Entspannter Arbeitsmarkt“ bezeichnet Ausgangsbedingungen, bei denen das Verhältnis der offenen Stellen zur Zahl der Arbeitslosen seinem historischen Mittelwert entspricht, und „Angespannter Arbeitsmarkt“ bezeichnet Ausgangsbedingungen, bei denen dieses Verhältnis um drei Standardabweichungen über seinem historischen Mittelwert liegt. „Großer Schock“ bedeutet einen Anstieg der Öl- und Gaspreise um 70 % oder mehr, was dem Schwellenwert für große Schocks entspricht, der in Bobeica, Holton, Huber und Martínez Hernández (2025) ermittelt wurde. Das Bernanke-Blanchard-Modell für den Euroraum wurde neu geschätzt und erweitert, damit die Preisgleichung in den HVPI für Energie, den HVPI für Nahrungsmittel und den HVPI ohne Energie und Nahrungsmittel unterteilt werden kann. Auf diese Weise kann die Transmission eines Schocks auf die Öl- und Gaspreise simuliert und analysiert werden. Das BVAR-Modell für die Inflation orientiert sich an C. Martínez Hernández, „The granular transmission of energy shocks to inflation“, 2026, Mimeo. Es berücksichtigt folgende Werte: den HVPI für Energie, den HVPI für Nahrungsmittel, den HVPI für Dienstleistungen, den HVPI für Waren, die Verbraucherpreise, die Industrieproduktion, die Ölpreise in Euro, die einjährigen deutschen Staatsanleihen, die Unternehmensanleihen mit BBB-Rating im Euroraum, die Aktienkurse, die Lieferzeiten der Zulieferer im Einkaufsmanagerindex, den Global Supply Chain Pressure Index und die Tariflöhne ohne Sonderzahlungen. Die Variablen werden bei Bedarf in logarithmierte Differenzen umgewandelt. Das Modell verwendet die gewichtete Summe der Öl- und Gasschocks von Bańbura et al. (2023) als internes Instrument für Energieschocks und berücksichtigt dabei dieselben Gewichtungen für Öl und Gas wie im SECPI. Das NAWM-II-Modell wird in zwei Versionen verwendet. So kann das Durchwirken in einer nichtlinearen Modellvariante gegengeprüft werden, die eine Kurvenbeziehung zwischen Preisen/Löhnen und Grenzkosten berücksichtigt, wie hier beschrieben: M. Harding, J. Lindé und M. Trabandt, Understanding Post-COVID Inflation Dynamics, Working Paper des Internationalen Währungsfonds, 2023. Das Modell wird zunächst unter Verwendung einer Standardlinearisierung und anschließend mithilfe nichtlinearer Methoden gelöst, die eine ausgeprägte Krümmung der Phillips-Beziehung berücksichtigen. Diese Modellvariante berücksichtigt ein positives Durchwirken der Energiepreise auf die Produktion inländischer Waren, in Anlehnung an das NAWM-E-Modell. In der nichtlinearen Modellvariante führt der Anstieg der Grenzkosten zu einer stärkeren Preisreaktion als in der linearen Version, denn je größer der Schock, desto entschiedener sind die Unternehmen bestrebt, bei der Festlegung des optimalen Preises Gewinneinbußen auszugleichen.

3.2.2 Gesamtwirtschaftliche Auswirkungen auf den Euroraum

Die verschiedenen Szenarien bergen erhebliche Abwärtsrisiken für das Wachstum im Euroraum und Aufwärtsrisiken für die Inflation (siehe Tabelle 6 und Abbildung 15). Sowohl das adverse als auch das schwerwiegende Szenario ergeben, dass sich das BIP-Wachstum im Euroraum (im Zeitraum 2026-2027) weiter abschwächt und die Inflation (über den gesamten Projektionszeitraum hinweg) höher ausfällt als in den Basisprojektionen vom Juni. Das schwerwiegende Szenario lässt zugleich eine deutliche Verschlechterung der Aussichten aufgrund anhaltender Energie- und Unsicherheitsschocks erkennen. Im milderen Szenario würde sich die Wirtschaftstätigkeit rasch erholen, und die Inflation würde sich schneller abschwächen.

Tabelle 6

Zentrale Variablen des Euroraums im Basisszenario und in den alternativen Szenarien

(Veränderung gegenüber Vorjahr in %)

Wachstum des realen BIP

HVPI-Inflation

HVPI-Inflation ohne Energie und Nahrungsmittel

2026

2027

2028

2026

2027

2028

2026

2027

2028

Basisszenario Juni 2026

0,8

1,2

1,5

3,0

2,3

2,0

2,5

2,5

2,2

Milderes Szenario

0,8

1,4

1,6

2,9

1,8

1,8

2,4

2,3

2,1

Adverses Szenario

0,7

0,9

1,5

3,3

3,0

2,3

2,5

2,7

2,3

Schwerwiegendes Szenario

0,5

0,4

1,6

4,0

5,3

3,0

2,5

3,8

2,9

Quelle: EZB-Berechnungen auf Basis von Simulationen mit dem ECB-BASE-Modell.

Im milderen Szenario würde sich das BIP-Wachstum etwas früher erholen und die Inflation würde sich schneller abschwächen als im Basisszenario. Da der Anstieg der Energiepreise in diesem Szenario schneller nachlässt als im Basisszenario angenommen, würde die Inflation unter das Niveau des Basisszenarios fallen und das 2 %-Ziel in den Jahren 2027 und 2028 unterschreiten. Die niedrigeren Energiepreise würden auch dem BIP-Wachstum zugutekommen, sodass sich das Wachstum des realen BIP mit 1,4 % im Jahr 2027 und 1,6 % im Jahr 2028 etwas oberhalb des Basisszenarios einpendeln würde.

Im adversen Szenario würde der Schock zu einer anhaltenden Aufwärtsverschiebung der Energiepreise führen. Dies hätte einen länger anhaltenden Inflationsdruck zur Folge, und das BIP-Wachstum würde sich auf kurze Sicht abschwächen. Das Wachstum des realen BIP verlangsamt sich und liegt mit 0,7 % im Jahr 2026 und 0,9 % im Jahr 2027 unter dem entsprechenden Wert des Basisszenarios. 2028 steigt es jedoch wieder auf 1,5 %, da die Energiepreise sinken und die Unsicherheit nachlässt. Die HVPI-Inflation steigt in diesem Szenario auf 3,3 % im Jahr 2026 und bleibt im Jahr 2027 mit 3,0 % erhöht, anschließend sinkt sie 2028 auf 2,3 %. Die Kerninflation erreicht 2027 einen Höchststand von 2,7 %, worin sich die allmähliche Entfaltung von indirekten Auswirkungen und Zweitrundeneffekte bei den Preisen und Löhnen widerspiegelt. Im Jahr 2028 sinkt sie auf 2,3 %.

Das schwerwiegende Szenario steht für ein wesentlich schwierigeres gesamtwirtschaftliches Umfeld, das durch stärkere und länger anhaltende Schocks bei den Rohstoffpreisen sowie verstärkte indirekte Auswirkungen und Zweitrundeneffekte geprägt wird. Das Wachstum des realen BIP sinkt deutlich auf 0,5 % im Jahr 2026. In der zweiten Jahreshälfte 2026 fällt es negativ aus, und im Jahr 2027 beträgt es 0,4 %, was auf eine anhaltend schwache Wirtschaftstätigkeit hindeutet. Im Jahr 2028 steigt das Wachstum des realen BIP sprunghaft wieder auf 1,6 % an. Die Gesamtinflation zieht stark an, und zwar auf 4,0 % im Jahr 2026 und auf einen Höchststand von 5,3 % im Jahr 2027. Die Kerninflation nimmt deutlich zu, da sich die höheren Energiepreise zunehmend auf die inländischen Preise und Löhne auswirken.

Abbildung 15

Basisszenario und alternative Szenarien für zentrale Variablen des Euroraums

Reales BIP

(Veränderung gegenüber Vorquartal in %)

HVPI

HVPIX

(Veränderung gegenüber Vorjahr in %)

(Veränderung gegenüber Vorjahr in %)

HVPI für Energie

HVPI für Nahrungsmittel

(Veränderung gegenüber Vorjahr in %)

(Veränderung gegenüber Vorjahr in %)


Die negativen gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen des adversen und des schwerwiegenden Szenarios sind zunächst hauptsächlich auf höhere Energiekosten und größere Unsicherheit zurückzuführen, speisen sich aber im Laufe der Zeit zunehmend aus breiteren Übertragungseffekten auf den Handel, die Binnennachfrage und die Kerninflation. Wie aus Abbildung 16 hervorgeht, ergibt sich das nachlassende Wachstum des realen BIP in erster Linie aus höheren Energiepreisen, einer gesteigerten Unsicherheit und einem schwächeren Handel. Im Jahr 2027 prägt sich die Abkühlung noch stärker aus, da die schwächere weltweite Nachfrage (die zum Teil mit den höheren Nahrungsmittel- und Energiepreisen auf dem Weltmarkt zusammenhängt) die Exporte des Euroraums weiter belastet und die Binnennachfrage zusätzlich durch höhere Energiepreise und restriktivere Finanzierungsbedingungen gedämpft wird. 2028 normalisiert sich das BIP-Wachstum allmählich, da der Energiepreisdruck nachlässt und die Löhne nach dem anfänglichen Rückgang der Realeinkommen wieder etwas aufholen. Der wichtigste Transmissionskanal für die Inflation sind höhere Energiekosten, die sich unmittelbar auf die Teuerung bei Energie auswirken, aber auch die Produktionskosten für Erzeugnisse außer Energie erhöhen. Im schwerwiegenden Szenario wirken sich stärkere indirekte Auswirkungen und Zweitrundeneffekte zunehmend auf die Nahrungsmittel- und Kerninflation aus, sodass sich die HVPI-Inflation deutlich verfestigt. Im milderen Szenario stützt die im Vergleich zum Basisszenario geringere Inflation, die im Wesentlichen durch niedrigere Energiepreise bedingt ist, das auch durch ein günstigeres außenwirtschaftliches Umfeld geförderte Wachstum.

Abbildung 16

Auswirkungen auf die Wirtschaft des Euroraums nach Kanal oder Komponente in den verschiedenen Szenarien

a) Reales BIP nach Kanal

(Abweichung vom Wachstum im Basisszenario in Prozentpunkten)


b) HVPI nach Kanal

(Abweichung vom Wachstum im Basisszenario in Prozentpunkten)


HVPI nach Komponente

(Abweichung vom Wachstum im Basisszenario in Prozentpunkten)

Quelle: EZB-Berechnungen auf Basis von Simulationen mit dem ECB-BASE-Modell.
Anmerkungen: Die Simulationen werden im Rahmen eines Forecast-Settings unter Verwendung des ECB-BASE-Modells mit exogener Geldpolitik im Euroraum durchgeführt.

3.3 Sensitivitätsanalysen zu Störungen bei der Energieversorgung und bei Kerosinlieferungen im schwerwiegenden Szenario

Mithilfe von Sensitivitätsanalysen wurden die Auswirkungen zweier zusätzlicher Risikokanäle untersucht, die sich beide auf Energieprodukte außerhalb der betrachteten Szenarien beziehen. Dabei handelt es um die Auswirkungen einer Rationierung der Energieversorgung und eines Mangels an Kerosin. Die Sensitivitäten werden nur für das schwerwiegende Szenario dargestellt, da diese beiden Kanäle vor allem bei großen und anhaltenden Schocks relevant sind und daher in erster Linie die Ergebnisse von Extremrisikosituationen betreffen. Da die Analysen von einem angebotsseitigen Schock ausgehen, würde das Wachstum des realen BIP geringer ausfallen, und die Inflation wäre in beiden Fällen höher.

3.3.1 Störungen der Energieversorgung

Zusätzliche physische Unterbrechungen der Energieversorgung infolge einer Blockade der Ausfuhr von rohen und raffinierten Energieträgern aus der Golfregion könnten das Angebot an Rohöl, Gas und raffinierten Erdölerzeugnissen im Euroraum um 3 % verringern und die Auswirkungen des Krieges im Nahen Osten über die in den Szenarien unterstellten Preiseffekte hinaus verstärken. Zur Beurteilung dieses Risikos wird ein dynamisch-stochastisches allgemeines Gleichgewichtsmodell (DSGE-Modell) für mehrere Länder und Sektoren herangezogen, das globale Produktionsnetzwerke einbezieht. Mit diesem Modell kann analysiert werden, wie sich Störungen der vorgelagerten Energie-Inputs durch Input-Output-Verflechtungen über Sektoren und Länder hinweg ausbreiten.[26] Die Auswirkungen auf die Wirtschaftstätigkeit sind erheblich. Sie verringern das BIP-Wachstum im Euroraum in den Jahren 2026 und 2027 um etwa 0,3 Prozentpunkte (siehe Abbildung 17). Da es sich um einen vorgelagerten Schock handelt, schlägt er auf die Grenzkosten und nachgelagerten Preise der Unternehmen durch. So erhöht sich die HVPI-Gesamtinflation im Euroraum zusätzlich zu den im schwerwiegenden Szenario ausgelösten Effekten im Jahr 2026 um rund 0,1 Prozentpunkte, im Jahr 2027 um 0,4 Prozentpunkte und im Jahr 2028 um 0,2 Prozentpunkte.

3.3.2 Kerosinmangel

Bei extremen Engpässen könnte der weltweite Luftverkehr um 50 % zurückgehen.[27] Nach einem DSGE-Modell für mehrere Länder und Sektoren, das globale Produktionsnetze einbezieht, würden solche Störungen im Luftverkehr das BIP-Wachstum im Euroraum 2027 um etwa 0,1 Prozentpunkte verringern und die Gesamt- und die Kerninflation in den Jahren 2027 und 2028 um rund 0,2 Prozentpunkte in die Höhe treiben (siehe Abbildung 17). Das Modell geht von der Annahme aus, dass es schwierig wäre, den Luftverkehr durch andere Verkehrsmittel zu ersetzen, insbesondere bei Auslandsreisen und zeitsensiblen Gütern.

Abbildung 17

Aus der Sensitivitätsanalyse folgende Auswirkungen auf das Wachstum und die Inflation im Euroraum unter dem schwerwiegenden Szenario

a) Wachstum des realen BIP

b) HVPI-Inflation

(Abweichung von der Wachstumsrate im schwerwiegenden Szenario in Prozentpunkten)

(Abweichung von der Wachstumsrate im schwerwiegenden Szenario in Prozentpunkten)

Quelle: EZB-Berechnungen auf Basis von Simulationen mit dem ECB-BASE-Modell.

3.4 Einschränkungen der Szenarioanalyse

Diese Szenarioanalysen berücksichtigen weder geld- oder finanzpolitische Reaktionen, die die Auswirkungen auf die Inflation dämpfen würden, noch andere Kanäle, die die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen beeinflussen könnten. Wie bei den Szenarioanalysen in den Projektionen der Fachleute üblich, wird unterstellt, dass Geld- und Finanzpolitik gegenüber dem Basisszenario unverändert bleiben. Der deutliche Anstieg der Inflation, insbesondere im schwerwiegenden Szenario, würde wahrscheinlich teilweise durch eine straffere Geldpolitik oder finanzpolitische Stützungsmaßnahmen abgefedert. Letztere könnten etwa die Energiepreise für Verbraucher senken, wie es während der Phase hoher Inflation in den Jahren 2022 bis 2024 zu beobachten war. Weitere Kanäle, die in den Analysen nicht explizit berücksichtigt werden, umfassen mögliche positive Auswirkungen auf den Tourismus in den Ländern des Euroraums, die von Tourismusströmen profitieren könnten, die andernfalls in den Nahen Osten geflossen wäre, sowie Auswirkungen eines Migrationsdrucks im Zusammenhang mit einer möglichen Flüchtlingskrise.

4 Sensitivitätsanalysen

4.1 Divergierende Entwicklungen der Energiepreise

Divergierende Entwicklungen der Preise für Energierohstoffe deuten auf erhebliche Aufwärtsrisiken für die Inflation hin, insbesondere auf kurze Sicht, und auf Abwärtsrisiken für das Wachstum. Die Projektionen beruhen auf den in Kasten 2 dargelegten technischen Annahmen. In dieser Sensitivitätsanalyse werden Risiken untersucht, indem verschiedene Perzentile der optionsbasierten neutralen Dichten der Öl- und Gaspreise herangezogen werden.[28] Zudem wird für sowohl für die Öl- als auch für die Gaspreise eine Sensitivitätsanalyse unter der Annahme konstanter Preise durchgeführt. Im Unterschied zu den in Abschnitt 3 vorgestellten Szenarien mit Bezug auf den Konflikt im Nahen Osten werden bei dieser Analyse nur die Preise für Energierohstoffe als betroffen angesehen, während in den vorgenannten Szenarien auch die Unsicherheit in die Bewertung der gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen einbezogen wurde.[29] Die Ergebnisse sind in Tabelle 7 dargestellt.

Abbildung 18

Divergierende Entwicklungsverläufe der Annahmen für Energiepreise

a) Annahmen für den Ölpreis

(in USD/Barrel)


b) Annahmen für den Gaspreis

(in €/MWh)

Quellen: Morningstar und EZB-Berechnungen.
Anmerkung: Die optionsbasierten neutralen Dichten für Gas- und Ölpreise entstammen den Marktnotierungen vom 21. Mai 2026 für Optionen auf ICE Bent Crude Oil Futures und Dutch TTF Natural Gas Futures mit festem vierteljährlichem Verfallsdatum.

Tabelle 7

Divergierende Entwicklungsverläufe für Energiepreise und ihre Auswirkungen auf das Wachstum des realen BIP und die HVPI-Inflation

(Abweichungen vom Basisszenario in %; Abweichungen von den Wachstumsraten im Basisszenario in %)

Ölpreis

Gaspreis

Synthetischer Energiepreis-index

Wachstum des realen BIP

HVPI-Inflation

Entwicklungsverlauf 1: 5. Perzentil

2026

-25,5

-24,9

-25,3

0,0

-0,6

2027

-39,9

-41,3

-40,0

0,5

-1,2

2028

-40,1

-46,3

-41,8

0,5

-0,6

Entwicklungsverlauf 2: 25. Perzentil

2026

-11,2

-11,5

-11,2

0,0

-0,3

2027

-16,0

-20,0

-17,1

0,2

-0,5

2028

-16,2

-22,9

-17,8

0,2

-0,3

Entwicklungsverlauf 3: 75. Perzentil

2026

14,2

17,9

15,2

0,0

0,4

2027

18,8

29,9

22,2

-0,3

0,6

2028

19,0

31,6

22,6

-0,3

0,3

Entwicklungsverlauf 4: 95. Perzentil

2026

44,9

78,8

55,8

0,0

1,2

2027

61,4

116,6

78,8

-0,8

2,1

2028

63,1

110,7

76,3

-0,9

1,0

Entwicklungsverlauf 5: konstante Preise

2026

7,2

-0,9

5,3

-0,1

0,2

2027

35,0

25,2

33,6

-0,4

1,0

2028

43,9

68,5

52,7

-0,5

1,0

Anmerkung: Bei dieser Sensitivitätsanalyse wird ein synthetischer Energiepreisindex verwendet, der die Preise für Öl- und Gasterminkontrakte kombiniert. Die unterschiedlichen Perzentile beziehen sich auf die optionsbasierten neutralen Dichten für die Öl- und Gaspreise am 21. Mai 2026. Die konstanten Öl- und Gaspreise nehmen ihren jeweiligen Wert zum selben Zeitpunkt an. Die makroökonomischen Auswirkungen werden als Durchschnittswerte aus einigen von Fachleuten der EZB bzw. des Eurosystems verwendeten makroökonomischen Modellen ausgewiesen. In einigen Modellen führt die starke Reaktion der Inflation auf einen Energiepreisanstieg unter der Annahme einer unveränderten Geldpolitik zu einem deutlichen Rückgang der Realzinsen und einem vorübergehenden expansiven Nachfrageeffekt, die die durchschnittliche Reaktion des BIP auf kurze Sicht dämpfen.

4.2 Divergierende Entwicklungen des Wechselkurses

Divergierende Entwicklungen des Wechselkurses deuten auf eine mögliche weitere Aufwertung des Euro hin, insbesondere mittelfristig. Sie weisen somit auf gewisse Abwärtsrisiken für Wachstum und Inflation hin. Die technischen Annahmen für die Wechselkurse im Basisszenario der Projektionen werden über den Projektionszeitraum hinweg konstant gehalten. Divergierende Abwärts- bzw. Aufwärtsentwicklungen werden aus dem 25. und dem 75. Perzentil der optionsbasierten neutralen Dichten für den USD/EUR-Wechselkurs am 21. Mai 2026 abgeleitet. Letzterer deutet auf eine Aufwertung des Euro hin (siehe Abbildung 19). Dies könnte darauf zurückzuführen sein, dass die Erwartungen der Marktteilnehmer hinsichtlich der Geldpolitik im Euroraum im Vergleich zu den USA sowie die Erwartung einer möglichen Lösung des Krieges im Nahen Osten den Euro stützen. Die Auswirkungen der divergierenden Entwicklungen werden anhand von makroökonomischen Modellen der Fachleute der EZB bzw. des Eurosystems bewertet. Die durchschnittlichen Auswirkungen auf das Produktionswachstum und die Inflation sind modellübergreifend in Tabelle 8 dargestellt.

Abbildung 19

Divergierende Entwicklungen des USD/EUR-Wechselkurses

Quellen: Bloomberg und Berechnungen von EZB-Fachleuten.
Anmerkung: Anstieg = Aufwertung des Euro. Das 25. und das 75. Perzentil beziehen sich auf die optionsbasierten neutralen Dichten für den USD/EUR-Wechselkurs am 21. Mai 2026.

Tabelle 8

Auswirkungen divergierender Entwicklungen des Wechselkurses auf das Wachstum des realen BIP und die HVPI-Inflation

Entwicklungsverlauf 1: 25. Perzentil

Entwicklungsverlauf 2: 75. Perzentil

2026

2027

2028

2026

2027

2028

USD/EUR-Wechselkurs

1,15

1,12

1,11

1,18

1,23

1,28

EUR/USD-Wechselkurs
(Abweichung vom Basisszenario in %)

-1,3

-3,8

-4,8

1,2

5,7

9,5

(Abweichungen von den Wachstumsraten im Basisszenario in Prozentpunkten)

Wachstum des realen BIP

0,0

0,1

0,1

0,0

-0,1

-0,2

HVPI-Inflation

0,0

0,1

0,1

0,0

-0,2

-0,3

Quellen: Bloomberg und Berechnungen von EZB-Fachleuten.
Anmerkung: Anstieg = Aufwertung des Euro. Das 25. und das 75. Perzentil beziehen sich auf die optionsbasierten neutralen Dichten für den USD/EUR-Wechselkurs am 21. Mai 2026. Die makroökonomischen Auswirkungen werden als Durchschnittswerte aus einigen von Fachleuten der EZB bzw. des Eurosystems verwendeten makroökonomischen Modellen ausgewiesen.

Kasten 5
Vergleich mit Prognosen anderer Institutionen und des privaten Sektors

Trotz der erhöhten Unsicherheit liegen die Prognosen anderer Institutionen und die Umfragen privater Prognoseunternehmen für den Projektionszeitraum sowohl beim Wachstum als auch bei der Inflation relativ eng beieinander. Die von Fachleuten des Eurosystems erstellten Projektionen vom Juni 2026 bewegen sich hinsichtlich des BIP-Wachstums für den Zeitraum 2026-2027 innerhalb der Bandbreite anderer Prognosen und liegen für 2028 darüber. Die Inflation wird in den Projektionen des Eurosystems höher veranschlagt als in den meisten anderen Prognosen für 2026, mit Ausnahme der jüngsten Prognose der Europäischen Kommission. Für die Zeit danach liegen sie weitgehend auf einer Linie mit den anderen betrachteten Prognosen, die alle davon ausgehen, dass die Inflation mittelfristig wieder auf Niveaus in der Nähe des Zielwerts zurückkehren wird. Für die HVPIX-Inflation liegen die Projektionen über den gesamten Projektionszeitraum hinweg leicht über oder am oberen Rand der Bandbreite anderer Prognosen.

Tabelle A

Vergleich der jüngsten Prognosen zum Wachstum des realen BIP, zur HVPI-Inflation und zur HVPI-Inflation ohne Energie und Nahrungsmittel im Euroraum

(Veränderung gegenüber Vorjahr in %)

 

Datum der Veröffentlichung

Wachstum des realen BIP

HVPI-Inflation

HVPI-Inflation ohne Energie und Nahrungsmittel

2026

2027

2028

2026

2027

2028

2026

2027

2028

Eurosystem-Projektionen

Juni 2026

0,8

1,2

1,5

3,0

2,3

2,0

2,5

2,5

2,2

OECD

Juni 2026

0,8

1,2

2,8

2,4

2,4

2,4

Europäische Kommission

Mai 2026

0,9

1,2

3,0

2,3

2,3

2,5

Consensus Economics

Mai 2026

0,8

1,2

1,4

2,9

2,2

1,9

2,3

2,2

Survey of Professional Forecasters

Mai 2026

1,0

1,3

1,3

2,7

2,1

2,0

2,2

2,2

2,1

Internationaler Währungsfonds

April 2026

1,1

1,2

1,4

2,6

2,2

2,1

Quellen: OECD, Wirtschaftsausblick, 3. Juni 2026; Europäische Kommission, Frühjahrsprognose 2026, 21. Mai 2026; Prognose von Consensus Economics, 14. Mai 2026 (die Daten für 2028 stammen aus der Umfrage vom April 2026); EZB, Survey of Professional Forecasters, 4. Mai 2026; IWF, World Economic Outlook, 14. April 2026.
Anmerkungen: Da die Prognosen zu unterschiedlichen Zeitpunkten fertiggestellt wurden, sind sie untereinander bzw. mit den von Fachleuten des Eurosystems erstellten gesamtwirtschaftlichen Projektionen nicht direkt vergleichbar. Darüber hinaus werden darin unterschiedliche Methoden zur Ableitung von Annahmen über finanzpolitische, finanzielle und außenwirtschaftliche Variablen (einschließlich Öl-, Gas- und sonstiger Rohstoffpreise) verwendet. Die von Fachleuten des Eurosystems erstellten gesamtwirtschaftlichen Projektionen verwenden arbeitstäglich bereinigte Jahreswachstumsraten für das reale BIP, während die Europäische Kommission und der Internationale Währungsfonds jährliche Zuwachsraten heranziehen, die nicht um die Zahl der Arbeitstage pro Jahr bereinigt wurden. Andere Prognosen enthalten keine Angaben dazu, ob arbeitstäglich bereinigte oder nicht arbeitstäglich bereinigte Daten ausgewiesen werden.

Kasten 6
Prognosegüte der Projektionen des Eurosystems und der EZB für Wirtschaftswachstum und Inflation – ein Update

Anna-Camilla Hofmann-Drahonsky, Adrian Page und Elena Rusticelli

Die Genauigkeit der von Experten des Eurosystems oder der EZB erstellten Projektionen wird regelmäßig überprüft, um Lehren aus zurückliegenden Fehlern zu ziehen und die Zuverlässigkeit der Projektionen für die geldpolitische Entscheidungsfindung einschätzen zu können. Bei der Überprüfung ihrer geldpolitischen Strategie 2025 stellte die EZB fest, dass eine transparente Kommunikation zu Projektionsfehlern ebenfalls wichtig ist. Entsprechend enthalten die Projektionen des Eurosystems im Juni jeweils eine Bewertung der Fehler im Zusammenhang mit den Wachstums- und Inflationsprojektionen für verschiedene Zeithorizonte.[30] In diesem Kasten geht es um die Prognosegüte der jüngsten Projektionen bis zum ersten Quartal 2026. Dabei zeigt sich, dass sich die Irrtümer trotz einer gewissen Volatilität insgesamt in Grenzen gehalten haben. Der fortdauernde Krieg im Nahen Osten bringt allerdings erhebliche Herausforderungen für Wirtschaftsprognosen mit sich. Notwendig ist eine genaue Beobachtung der aktuellen Daten und die Bereitschaft, die Projektionen umgehend anzupassen, damit keine bleibenden Projektionsfehler entstehen.

Die kurzfristigen Prognosefehler im Hinblick auf das BIP-Wachstum im Euroraum 2025 waren von einer Volatilität gekennzeichnet, die sich aus Handelsspannungen und der erhöhten globalen Unsicherheit ergab. Die Fehler für das Folgejahr lagen deutlich unterhalb der historischen Durchschnittswerte (siehe Abbildung A). Da die Exporte und Investitionen des Euroraums die Erwartungen übertrafen, fiel das Wachstum im Euroraum im ersten und dritten Quartal 2025 höher aus als projiziert. Die Projektionsfehler für das Folgequartal fielen größer aus, als sie es im Durchschnitt in der Zeit vor der Covid-19-Pandemie gewesen waren. Diese Unterschätzungen spiegeln jeweils den unerwarteten Impuls wider, der sich daraus ergab, dass im Vorfeld der Anhebung der US-Zölle in großem Umfang Käufe vorgezogen wurden und diese Entwicklung langsamer nachließ als erwartet, insbesondere in Irland. Nachdem allerdings das Wachstum im Zeitraum 2021 bis 2024 über weite Strecken überraschend niedrig ausgefallen war, sanken im Anschluss die Fehler für das Folgejahr deutlich unter den vor der Pandemie verzeichneten mittleren absoluten Fehler. Einige geringfügige Fehler waren zum Teil auf die unerwartet starke Auslandsnachfrage nach Produkten des Euroraums zurückzuführen. Der derzeitige Krieg im Nahen Osten begann gegen Ende des ersten Quartals 2026 und hatte daher nur geringen Einfluss auf die Fehler, die bei der auf dieses Quartal bezogenen Wachstumsprojektion für das reale BIP auftraten. Die hohe Überschätzung war vielmehr auf idiosynkratische Faktoren zurückzuführen, die sich auf die Schätzung des irischen BIP auswirkten, das stark negativ ausfiel.[31]

Abbildung A

Fehler in den Projektionen des Eurosystems und der EZB für das vierteljährliche Wachstum des realen BIP im Euroraum seit 2021

a) Fehler für das Folgequartal

(in Prozentpunkten)


b) Fehler für das Folgejahr

(in Prozentpunkten)

Quellen: Von Fachleuten des Eurosystems/der EZB erstellte gesamtwirtschaftliche Projektionen und Eurostat.
Anmerkungen: In Grafik a sind Fehler definiert als Differenz zwischen dem tatsächlichen Wert für ein bestimmtes Quartal und dem im Vorquartal für dieses Quartal projizierten Wert (z. B. die Differenz zwischen dem tatsächlichen Wert für das vierte Quartal 2022 und dem Wert, den die Fachleute der EZB in ihren gesamtwirtschaftlichen Projektionen vom September 2022 für dieses Quartal projiziert hatten). In Grafik b sind Fehler definiert als Differenz zwischen dem tatsächlichen Wert für ein bestimmtes Quartal und dem vor vier Quartalen für dieses Quartal projizierten Wert (z. B. die Differenz zwischen dem tatsächlichen Wert für das vierte Quartal 2022 und dem Wert, den die Fachleute des Eurosystems in ihren gesamtwirtschaftlichen Projektionen vom Dezember 2021 für dieses Quartal projiziert hatten). Der vor der Pandemie verzeichnete mittlere absolute Fehler bezieht sich auf den Zeitraum 1999-2019 und lässt die Ausreißer während der weltweiten Finanzkrise unberücksichtigt.

Die Genauigkeit der Projektionen zur kurzfristigen Inflationsentwicklung entsprach in jüngster Zeit den historischen Durchschnittswerten, und die Prognosegüte für das Folgejahr hat sich deutlich verbessert. Die volatilen Energiepreise stellen allerdings nach wie vor eine zentrale Herausforderung für die kurzfristigen Inflationsprojektionen dar (siehe Abbildung B). Während die Inflationsprojektionen für das Folgejahr im Jahr 2025 sehr präzise waren, entsprachen die Fehler für das Folgequartal eher dem absoluten mittleren Fehler aus der Zeit vor der Pandemie (+/- 0,3 Prozentpunkte) und waren recht volatil. Die Volatilität entsprach weitgehend den Fehlern, die bei den Projektionen für die Energiekomponente der HVPI-Inflation in diesem Zeitraum verzeichnet wurden (und ihrerseits eng mit den Fehlern bei den technischen Annahmen für die Energierohstoffpreise zusammenhingen, die auf den Terminpreisen zum Zeitpunkt der Projektionserstellung basierten). Der die Projektionen übersteigende Preisauftrieb bei Energie war auch der Hauptgrund für den geringfügig positiven Projektionsfehler im ersten Quartal 2026. Er hing vor allem damit zusammen, dass der Kriegsausbruch im Nahen Osten die Preise für Energierohstoffe, insbesondere Öl, weit über das zuvor von den Märkten erwartete Maß hinaus in die Höhe trieb. Insgesamt waren die Fehler in Bezug auf die kurzfristige Gesamtinflation im Jahr 2025 zu rund 60 % und im ersten Quartal 2026 zu rund 70 % auf unerwartete Veränderungen der Energiepreise zurückzuführen. Dies entspricht der Tendenz, die seit der Pandemie zu beobachten ist. Demgegenüber beträgt das Gewicht von Energie im HVPI-Warenkorb weniger als 10 %.

Abbildung B

Fehler in den Projektionen der Fachleute des Eurosystems und der EZB für die HVPI-Gesamtinflation im Euroraum seit 2021

a) Fehler für das Folgequartal

(in Prozentpunkten)


b) Fehler für das Folgejahr

(in Prozentpunkten)

Quellen: Von Fachleuten des Eurosystems/der EZB erstellte gesamtwirtschaftliche Projektionen und Eurostat.
Anmerkungen: In Grafik a sind Fehler definiert als Differenz zwischen dem tatsächlichen Wert für ein bestimmtes Quartal und dem im Vorquartal für dieses Quartal projizierten Wert (z. B. die Differenz zwischen dem tatsächlichen Wert für das vierte Quartal 2022 und dem Wert, den die Fachleute der EZB in ihren gesamtwirtschaftlichen Projektionen vom September 2022 für dieses Quartal projiziert hatten). In Grafik b sind Fehler definiert als Differenz zwischen dem tatsächlichen Wert für ein bestimmtes Quartal und dem vor vier Quartalen für dieses Quartal projizierten Wert (z. B. die Differenz zwischen dem tatsächlichen Wert für das vierte Quartal 2022 und dem Wert, den die Fachleute des Eurosystems in ihren gesamtwirtschaftlichen Projektionen vom Dezember 2021 für dieses Quartal projiziert hatten). Der vor der Pandemie verzeichnete mittlere absolute Fehler bezieht sich auf den Zeitraum 1999-2019 und lässt die Ausreißer während der weltweiten Finanzkrise unberücksichtigt.

Ebenso wie bei anderen Prognoseunternehmen des privaten Sektors und internationalen Institutionen wurden die Eurosystem-/EZB-Wachstumsprojektionen für das Jahr 2025 in den Projektionen der letzten beiden Jahre wiederholt revidiert. Grund hierfür waren die hohe politische Unsicherheit und das wiederholte Eintreffen überraschender Daten. Abbildung C zeigt die Entwicklung der Prognosen für Wachstum und Inflation im Jahr 2025. Die Ergebnisse sind als horizontale Linie dargestellt. In den ersten Projektionen des Eurosystems/der EZB für das Jahr 2025, die Ende 2022 und in der ersten Jahreshälfte 2023 erstellt wurden, wurde das Wachstum leicht überschätzt. Dies war zum Teil auf die unerwartet starke Aufwertung des Euro gegenüber dem US-Dollar zurückzuführen, die die Wettbewerbsfähigkeit der Exporte des Euroraums schmälerte. Von Mitte 2023 bis Mitte 2024 waren die Wachstumsprojektionen relativ präzise. Allerdings führten die Abwärtskorrekturen des BIP-Wachstums für 2025, die ab dem zweiten Halbjahr 2024 vorgenommen wurden, zu immer größeren Unterschätzungen, die in den Projektionen vom März und Juni 2025, als die Unsicherheit im Zusammenhang mit den Zöllen ihren Höhepunkt erreichte, am stärksten ausgeprägt waren. Angesichts der zunehmenden Handelsspannungen setzten alle Prognostiker ihre Wachstumserwartungen herab, da sie davon ausgingen, dass die politische Unsicherheit die Investitionsentscheidungen der Unternehmen in erheblichem Umfang negativ beeinflussen würde und die Zölle die Exporttätigkeit stark belasten würden. Da die aktuellen Daten überraschend positiv ausfielen und die handelspolitische Unsicherheit schneller zurückging als erwartet, wurden die Projektionen ab Mitte 2025 schrittweise nach oben revidiert.

Abbildung C

Entwicklung der Prognosen verschiedener internationaler und privatwirtschaftlicher Organisationen zum jährlichen BIP-Wachstum im Euroraum und zur durchschnittlichen HVPI-Inflation im Jahr 2025

a) Wachstum des realen BIP

(Veränderung gegenüber Vorjahr in %)


b) HVPI-Inflation

(Veränderung gegenüber Vorjahr in %)

Quellen: Von Fachleuten des Eurosystems und der EZB erstellte Projektionen, Consensus Economics, ECB Survey of Professional Forecasters (SPF), Europäische Kommission, Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), Internationaler Währungsfonds (IWF) und Eurostat.
Anmerkungen: Da die Prognosen zu unterschiedlichen Zeitpunkten fertiggestellt wurden, sind sie untereinander bzw. mit den von Fachleuten des Eurosystems und der EZB erstellten gesamtwirtschaftlichen Projektionen nicht direkt vergleichbar. Darüber hinaus werden darin unterschiedliche Methoden zur Ableitung von Annahmen über finanzpolitische, finanzielle und außenwirtschaftliche Variablen (einschließlich Öl-, Gas- und sonstiger Rohstoffpreise) verwendet. Bei den umfragebasierten Quellen (Consensus Economics und SPF) beziehen sich die Datenpunkte auf den Mittelwert.

In Bezug auf die Inflation im Jahr 2025 schnitten die Projektionen der EZB/des Eurosystems ebenso wie diejenigen anderer Prognostiker gut ab. Die Fehler waren begrenzt und wiesen keine klare Tendenz auf. Die Differenz zwischen den realen Ergebnissen und den von Fachleuten der EZB/des Eurosystems erstellten Projektionen bewegte sich in einer engen Bandbreite (-0,1 bis +0,1 Prozentpunkte) und spiegelte weitgehend Veränderungen der technischen Annahmen für die Energie- und die Nahrungsmittelpreise sowie für den Euro-Wechselkurs wider. Diese hohe Prognosegüte war im Großen und Ganzen bei allen Prognostikern festzustellen, die alle dem tatsächlichen Wert relativ nahe kamen.

Angesichts der erhöhten Unsicherheit und der Volatilität der Rohstoffpreise sind Projektionen derzeit mit einem hohen Ungenauigkeitsrisiko behaftet. Sollten sich die im Juni 2026 erstellten Projektionen für die Inflation im zweiten Quartal 2026 als richtig erweisen, würde der Inflationsfehler für das Folgejahr 1,5 Prozentpunkte betragen und läge damit über dem in Abbildung B Grafik b dargestellten absoluten Durchschnitt vor der Pandemie. Zwar lassen sich bei unvorhersehbaren Schocks Prognosefehler nicht vermeiden, doch in der Bewertung der geldpolitischen Strategie der EZB 2025 wurde eine Reihe von Empfehlungen zur Abmilderung künftiger Fehlprojektionen formuliert.[32] In diesen Empfehlungen wird beispielsweise darauf hingewiesen, dass für die Beobachtung der Entwicklungen im Energiesektor eine höhere Granularität der Modelle und Daten von Vorteil ist. Dies gilt auch für Informationen über die Rolle der Ölraffineriemargen. Außerdem wird betont, dass die Zeitspanne zwischen dem Stichtag für technische Annahmen und der Veröffentlichung der Projektionen aus gegebenem Anlass verkürzt werden kann. Dies empfiehlt sich, wenn in einer späten Phase der Erstellung der Projektionen wichtige neue Informationen eintreffen. Auf diese Weise wurde bei den von Fachleuten der EZB erstellten Projektionen vom März 2026 verfahren, und strukturell spätere Stichtage sind auch für künftige Projektionen vorgesehen. In der Bewertung der geldpolitischen Strategie 2025 wurde empfohlen, das Analyse-Instrumentarium des Eurosystems häufig zu überprüfen, um atypische Konjunkturschwankungen besser zu erfassen, und Basisprojektionen durch Szenarioanalysen zu ergänzen – insbesondere in Zeiten hoher Unsicherheit, in denen das Risiko größerer Prognosefehler zunimmt. Im Rahmen der laufenden Bemühungen, gestützt auf die Lehren aus der Hochinflationsphase der Jahre 2021 bis 2024 potenzielle Mängel bei den Projektionsinstrumenten der EZB zu beheben, wird das Durchwirken der Energierohstoffpreise auf die Verbraucherpreise in den Modellen neu kalibriert, und die in den Modellen enthaltenen Transmissionskanäle für die Inflation und die Geldpolitik – z. B. diejenigen, die sich auf die Wechselwirkungen zwischen Löhnen und Preisen sowie die Inflationserwartungen auswirken – werden neu bewertet (siehe Kasten 4).[33]

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Informationen zur Fachterminologie finden sich im EZB-Glossar (nur auf Englisch verfügbar).

HTML ISBN 978-92-899-7732-6, ISSN 2529-4652, doi:10.2866/3940141, QB-01-26-088-DE-Q


  1. Redaktionsschluss für die Projektionen für die Weltwirtschaft war der 20. Mai 2026, Redaktionsschluss für die technischen Annahmen war der 21. Mai 2026 und Redaktionsschluss für die gesamtwirtschaftlichen Projektionen für den Euroraum war der 27. Mai 2026.

  2. Am 5. Juni 2026, also nach dem Redaktionsschluss für die Juni-Projektionen, veröffentlichte Eurostat eine revidierte Schätzung, wonach das reale BIP im Euroraum im ersten Quartal 2026 um 0,2 % schrumpfen wird. Ausschlaggebend hierfür war ein Rückgang des irischen BIP um 12,1 %. Darin kamen die Aktivitäten multinationaler Unternehmen zum Ausdruck, die für die Binnenwirtschaft von geringer Relevanz sind. Während die revidierten Gesamtdaten im Hinblick auf die Projektionen für das Wachstum des realen BIP auf Abwärtsrisiken für Irland und den Euroraum im Jahr 2026 hindeuten, fiel die modifizierte Inlandsnachfrage (siehe Fußnote 3) – eine Messgröße, die enger mit der zugrunde liegenden Binnenkonjunktur verknüpft ist – mit 2,9 Prozentpunkten überraschend positiv aus. Es sei darauf hingewiesen, dass für Irland angesichts der hohen Unsicherheit, mit der die Schnellschätzung behaftet ist, ein geglättetes Quartalsprofil verwendet wurde, was zu einem Wachstum im Euroraum von 0,2 % im ersten Quartal 2026 führt.

  3. In die modifizierte Inlandsnachfrage fließt neben den privaten Konsumausgaben und den Konsumausgaben des Staats eine bereinigte Messgröße für Investitionen ein, bei der der Erwerb von Flugzeugen für Leasingzwecke und der Erwerb bestimmter Formen geistigen Eigentums ausgeklammert wird. Die Einfuhren, Ausfuhren und Änderungen der Lagerbestände Irlands werden aus dieser Messgröße ausgeschlossen. Diese Messgröße spiegelt somit die zugrunde liegende Entwicklung der Binnenkonjunktur in Irland besser wider. Angesichts der hohen Volatilität der Daten zum irischen Gesamt-BIP eignet sie sich besser zur Beurteilung der zugrunde liegenden Wachstumsentwicklung im Euroraum. Weitere Informationen zu dieser Messgröße finden Sie auf der Website des Central Statistics Office of Ireland.

  4. Die im Basisszenario berücksichtigten Auswirkungen auf die Inflation werden für den Zeitraum 2025 bis 2028 kumulativ auf weniger als 0,1 Prozentpunkte geschätzt.

  5. Das vierteljährliche Wachstum des Gesamt-BIP im Euroraum wurde für das zweite Quartal 2026 um 0,1 Prozentpunkte nach oben revidiert und bleibt für das dritte und vierte Quartal unverändert. Die Messgröße, bei der die modifizierte Binnennachfrage in Irland zugrunde gelegt wird, bleibt für das zweite Quartal unverändert und wurde sowohl für das dritte als auch für das vierte Quartal um 0,1 Prozentpunkte nach unten revidiert.

  6. Sofern nicht anders angegeben, schließen Verweise auf weltweite und/oder globale Aggregate von Konjunkturindikatoren in diesem Kasten den Euroraum nicht ein.

  7. Die Projektionen vom März 2026 enthielten bereits eine Abwärtsrevision des Wachstums aufgrund des Krieges im Nahen Osten.

  8. Die am Verbraucherpreisindex (VPI) gemessene globale Gesamtinflation wird als gewichteter Durchschnitt der Inflationsraten in 23 Ländern berechnet: 14 Industrieländer (Vereinigte Staaten, Vereinigtes Königreich, Japan, Schweiz, Kanada, Australien, Neuseeland, Schweden, Dänemark, Norwegen, Tschechische Republik, Ungarn, Polen und Rumänien) und neun Schwellenländer (China, Russland, Brasilien, Indien, Türkei, Korea, Mexiko, Singapur und Hongkong).

  9. Mehrere mildernde Faktoren verringern das effektive Ausmaß des Schocks. So gelangen nach wie vor einige Tankschiffe durch die Meerenge und ein Teil der Ölversorgung kann über die Pipelinenetze Saudi-Arabiens und der Vereinigten Arabischen Emirate umgeleitet werden. Schätzungen zufolge verfügen sie zusammengenommen über eine Umleitungskapazität von rund 3 Millionen Barrel pro Tag. Infolgedessen verringert sich die tatsächliche Unterbrechung auf rund 10-15 % der weltweiten Ölversorgung.

  10. Die Änderungen der Großhandelspreise für Gas haben sich in den letzten Jahren weniger auf die Großhandelspreise für Strom niedergeschlagen, da der Anteil der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energiequellen und Kernenergie gestiegen ist, auch wenn das jeweilige Ausmaß in den einzelnen Euro-Ländern sehr unterschiedlich ist.

  11. Nach dem Redaktionsschluss zeigte die HVPI-Schnellschätzung für Mai, dass sich die HVPI-Gesamtinflation weiter auf 3,2 % erhöht hatte. Auch die HVPIX-Inflation war auf 2,5 % gestiegen.

  12. Die indirekten Auswirkungen der höheren Energiepreise dürften in der zweiten Jahreshälfte 2027 ihren Höhepunkt erreichen.

  13. Die Auswirkung des EHS 2 auf die HVPI-Inflation im Jahr 2028 wird auf 0,2 Prozentpunkte geschätzt. Die in Tabelle 3 dargestellte Differenz zwischen der HVPI-Inflation mit und ohne EHS 2 beträgt aufgrund von Rundungseffekten lediglich 0,1 Prozentpunkte und nicht 0,2 Prozentpunkte. Weitere Einzelheiten finden sich in dem Kasten mit dem Titel Die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen der Klimapolitik im Euroraum, in: Gesamtwirtschaftliche Euroraum-Projektionen von Fachleuten des Eurosystems, Dezember 2025.

  14. Eine Analyse des Durchwirkens von Energiepreisschocks auf die Industrieerzeugnisse ohne Energie und Dienstleistungen findet sich beispielsweise in: F. Corsello und A. Foschi, The different effects of oil and gas supply shocks on euro area inflation, VoxEU, 13. Mai 2026.

  15. Der finanzpolitische Kurs im Euroraum ist definiert als Veränderung des konjunkturbereinigten Primärsaldos, wobei die Zahlen einnahmenseitig auch um die Zuschüsse aus dem Programm Next Generation EU bereinigt sind. Der finanzpolitische Kurs ist eine Top-down-Messgröße für die Ausrichtung der Finanzpolitik, die diskretionären finanzpolitischen Maßnahmen werden mittels eines Bottom-up-Ansatzes bestimmt. Diese Maßnahmen erfassen Änderungen von Steuersätzen, fiskalischen Ansprüchen und sonstigen Staatsausgaben, die die nationalen Parlamente der Euro-Länder entweder bereits verabschiedet haben oder wahrscheinlich verabschieden werden.

  16. Nichtdiskretionäre Faktoren hängen hauptsächlich mit der fiskalischen Bremse und der Entkopplung der steuerlichen Bemessungsgrundlagen vom BIP zusammen.

  17. Dieser Abschnitt wurde von E. Angelini, A. Bobasu, G. Bušs, A. Ferrari, A. Kornprobst, G. Nicoletti, A. Stalla-Bourdillon und S. Zimic erstellt.

  18. Die Szenarien veranschaulichen daher eher die direkten gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen der Schocks als das aufgrund der politischen Maßnahmen wahrscheinlichste Ergebnis.

  19. Genauer gesagt wird für jeden Rohstoff und jedes Szenario angenommen, dass die prozentualen Abweichungen vom Basisszenario den Abweichungen der relevanten risikoneutralen, aus Optionen abgeleiteten Dichte-Perzentile vom Basisszenario zum Stichtag 21. Mai 2026 entsprechen.

  20. Kontrafaktische Finanzpfade werden mithilfe bedingter Prognosen innerhalb eines Markov-Switching-BVAR-Modells ermittelt, wobei die Pfade des VIX-Index als Grundlage dienen und Übergänge zwischen Zuständen hoher und niedriger Volatilität unterschieden werden, mit unterschiedlichen geschätzten Übertragungseffekten.

  21. Bei den Simulationen des außenwirtschaftlichen Umfelds werden höhere Preise für Nahrungsmittelrohstoffe zugrunde gelegt, da sich der Krieg im Nahen Osten auch auf die Düngemittelmärkte auswirkt. Mehrere düngerintensive Komponenten des internationalen Nahrungsmittelpreisindex, etwa die Preise für Weizen und Mais, werden daher im adversen und im schwerwiegenden Szenario ab dem dritten Quartal 2026 am 75. bzw. 95. Perzentil ihrer optionsbasierten Preisverteilungen veranschlagt. Dieselbe Methodik liegt den Annahmen für Energierohstoffpreise zugrunde. Andere Nahrungsmittelrohstoffe, z. B. Kakao, sind den Annahmen zufolge nicht betroffen, sodass sich der Anstieg der Nahrungsmittelpreise insgesamt in Grenzen hält. In den Simulationen für den Euroraum wird diesen Effekten im adversen und im schwerwiegenden Szenario durch ein stärkeres Durchwirken des Energieschocks auf die Verbraucherpreise für Nahrungsmittel Rechnung getragen.

  22. Siehe E. Angelini, M. Darracq Pariès und S. Zimic, The 2021-24 inflation surge through the lens of the ECB-BASE model, EZB, Wirtschaftsbericht 3/2025.

  23. Siehe E. Bobeica, S. Holton, F. Huber und C. Martínez Hernández, Beware of large shocks! A non-parametric structural inflation model, Working Paper Series der EZB, Nr. 3052, Mai 2025.

  24. Die Kalibrierung ist als reduzierte Darstellungsform einer stärkeren Inflationsausbreitung aufzufassen. Sie erfasst quasi Veränderungen der zugrunde liegenden Verhaltensmerkmale wie nominale Rigiditäten, Preissetzungsverhalten, Erwartungsbildung und Lohnsetzung, die in Phasen erhöhter Inflation möglicherweise empfindlicher reagieren.

  25. In den Simulationen, in denen die Geldpolitik unverändert bleibt, tragen stärkere indirekte Auswirkungen und Zweitrundeneffekte zu einem höheren BIP-Profil in den späteren Jahren des Projektionszeitraums bei, da die Nominallöhne stärker steigen und die wahrgenommenen Realzinsen sinken. Bei einer endogenen geldpolitischen Reaktion würde eine stärkere Inflationspersistenz jedoch wahrscheinlich eine Straffung auslösen, was im Vergleich zur Standardkalibrierung der Transmission höhere Realzinsen und ein negativeres BIP-Profil zur Folge hätte.

  26. Die Simulation bildet eine Störung von Energie-Inputs aus der Golfregion ab, die in der lokalen Ölraffination und Gasverteilung sowie bei der Herstellung raffinierter Erdöl- und Gasprodukte verwendet werden. Diese Produkte kommen sowohl in Energie- als auch in Nichtenergiesektoren zum Einsatz. Für den Euroraum könnten die daraus resultierenden Inputverluste, die als entsprechender Rückgang der totalen Faktorproduktivität abgebildet werden, das Angebot an Rohöl, Gas und raffinierten Erdölerzeugnissen im Euroraum um 3 % verringern.

  27. Während der Covid-19-Pandemie war ein Rückgang des weltweiten Luftverkehrs um 50 % zu beobachten. Obgleich ein ähnlicher Rückgang infolge des aktuellen Schocks womöglich weniger wahrscheinlich ist, verdeutlicht die Sensitivitätsanalyse die Anfälligkeit gegenüber einem solchen Extremereignis.

  28. Als Marktpreise wurden die am 21. Mai 2026 (Stichtag für die technischen Annahmen) geltenden Preise verwendet.

  29. Insbesondere werden die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen anhand des Durchschnitts der Ergebnisse einer Reihe von makroökonomischen Modellen der EZB und des Eurosystems bewertet, während die Szenarien für den Nahen Osten mit dem ECB-BASE-Modell durchgespielt wurden. Außerdem wurden die Modellläufe im Standardprojektionsmodus durchgeführt. Sie enthalten keine erweiterten Elastizitäten im Zusammenhang mit indirekten Auswirkungen und Zweitrundeneffekten, wie sie in den Nahost-Szenarien berücksichtigt werden.

  30. Siehe auch Eurosystem, Entwicklung der Projektionen von Fachleuten des Eurosystems und der EZB zu Wachstum und Inflation seit 2021, Kasten 3, Gesamtwirtschaftliche Euroraum-Projektionen von Fachleuten des Eurosystems, Juni 2025. Eine umfassendere Beurteilung findet sich in: M. Chahad, A. C. Hofmann-Drahonsky, W.  Krause, B. Landau und A. Sigwalt, Analyse der empirischen Prognosegüte der Inflationsprojektionen von Fachleuten der EZB/des Eurosystems seit dem Jahr 2000, EZB, Wirtschaftsbericht 5/2024.

  31. Siehe Fußnote 2. Das Ergebnis für das BIP im Euroraum unter Zugrundelegung einer modifizierten Binnennachfrage in Irland lag im ersten Quartal 2026 dagegen 0,1 Prozentpunkte über der in den Projektionen vom Dezember 2025 erwarteten Rate.

  32. Workstream 1: Changing economic and inflation environment, A strategic view on the economic and inflation environment in the euro area, Occasional Paper Series der EZB, Nr. 371, 2025.

  33. Siehe auch E. Angelini, M. Darracq Pariès, M und S. Zimic, The 2021-24 inflation surge through the lens of the ECB-BASE model, EZB, Wirtschaftsbericht 3/2025.

Annexes
11 June 2026